Die
Wirtschaft floriert prächtig, die Exporte sind stark gewachsen (die Importe
allerdings auch) - aber zwei Schatten liegen darüber: Die Belastungspolitik der
Regierung und der Ölpreiswucher bremsen den Aufschwung. So meldeten es die
WirtschaftsforscherInnen Anfang Oktober. Regierung und Kapital werden
angefeuert, in ihrer „Treffsicherheit“ fortzufahren. Dazu gehört die
Herbstlohnrunde. Für die Gewerkschaften besteht aber kein Grund zur Zurückhaltung,
meint Hubert Schmiedbauer.
Bis zu fünf
Prozent sollte das Wirtschaftswachstum heuer betragen und auch für 2001 um 4,5
Prozent liegen, meinten das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) und das
Institut für Höhere Studien (IHS) im Juni. Das IHS legte Ende Juli eine
mittelfristige Prognose bis 2004 vor, in der die Wachstumsraten nur langsam auf
3,5 Prozent zurückgehen würden, obwohl damals die Auswirkungen der Ölpreiserhöhung
und der Belastungspakete schon sichtbar waren.
Im September
dann berechneten beide Institute diese Auswirkungen auf Masseneinkommen und
Kaufkraft. Ergebnis: Die Prognosen für 2000 und 2001 wurden um einige Zehntel
zurückgenommen. Freilich stehen diese Zehntel für die von unten nach oben
umverteilten dutzenden Milliarden Schilling, also die in den Millionen Geldbörseln
fehlenden Tausender. Was nicht ausgegeben werden kann, fehlt als Kaufkraft und
Konjunkturstütze.
Beschleunigtes
Wachstum ...
Um einen Überblick
zu haben, sind einige Daten interessant, mit denen die Entwicklung der letzten
Jahre und die Prognose bis 2004 vom IHS im Juli vorgestellt wurden.
Das
Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die gesamte Wertschöpfung eines Jahres, werde
2004 mit 3279 Mrd Schilling um 38 Prozent höher sein als 1995, lässt sich
herausrechnen. Die Zahl der unselbständig Beschäftigten steigt um 181.000, das
sind 6,1 Prozent. Die Produktivität je Beschäftigten nimmt um 17,1 Prozent zu,
die Gesamteinkommen der Unselbständigen wachsen um 32,7 Prozent, die Einkommen
je Beschäftigten aber nur um 25,1 Prozent, die Reallöhne gar nur um 9,1
Prozent.
Wohin fließt
also der größere Teil der steigenden Wertschöpfung? Die Bruttobetriebsüberschüsse
und Selbständigeneinkommen legen laut IHS im selben Zeitraum um 44,6 Prozent
zu. Während die Summe der Arbeitsentgelte von 53,8 Prozent des BIP auf 51,7
Prozent zurückgeht, wächst der Anteil der Betriebsüberschüsse und Selbständigeneinkommen
von 34 Prozent auf 35,6 Prozent des BIP - jedes Jahr um etliche Milliarden, und
2004 würden diese 1,6 Prozent Prozent des BIP schon mehr als 50 Milliarden
Schilling ausmachen, die zusätzlich von unten nach oben verteilt werden. Da ist
aber noch nichts von den Steuern und Abgaben enthalten, durch die eine weitere
Umverteilung stattfindet.
... und
beschleunigte
Umverteilung
...
Nun zeigen
die reduzierten Prognosen die Auswirkungen der Belastungspolitik nicht nur auf
die Jahre 2000 und 2001, sondern verändern auch die Ansätze für die folgenden
Jahre. Eines steht aber jetzt schon fest: Es gibt eine
„Konjunkturstabilisierung auf hohem Niveau“ (IHS) - und die Umverteilung
nach oben wird eher beschleunigt als gebremst.
Angesichts
der Herbstlohnrunde bieten aber alle Daten genügend Handhabe für einen
Reallohnzuwachs und nicht nur für eine Abgeltung des Preisauftriebs. Die
Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen steigt heuer allein um 3,2 Prozent, in
der Sachgüterproduktion sogar um 6,5 Prozent. Die Lohnzuwächse werden
allerdings nur mit 2,2 bis 2,4 Prozent angenommen, die Bruttoreallöhne je
Arbeitnehmer sinken sogar. Dafür sinken heuer die Lohnstückkosten in der Sachgütererzeugung
um 2,5 Prozent, gegenüber den Handelspartnern sogar um 3,3 Prozent (gegenüber
Deutschland immerhin um 0,5 Prozent).
... über
Teuerung,
Steuern,
Sozialabbau
Die
Inflationsrate stieg im Juni von 1,7 auf 2,7 Prozent. Größten Anteil daran
haben die Energiekosten und die Nahrungsmittelpreise. Die Wirtschaftsforscher
rechnen zwar mit einer Konjunkturbremse wegen der sinkenden Kaufkraft, reden
aber davon, dass die Teuerung nur zum Teil abgegolten werden dürfe, vor allem
die Folgen des Ölpreispokers sollen die Lohnabhängigen tragen. Die Konzerne
haben sich längst ihre eigenen Energiepreise ausgehandelt, während die Masse
der KonsumentInnen nicht nur den Preiswucher, sondern auch den Steuerwucher
tragen muss.
Von einer
Umverteilung von oben nach unten halten die Wirtschaftsforscher nichts -
kritische Stimmen aus den eigenen Reihen werden ignoriert, belächelt und sogar
verhöhnt. Dafür mangelt es nicht an mehr oder weniger offenen Empfehlungen für
weiteren Sozialabbau etwa bei der Pensionsversicherung mit zusätzlichen 15 Mrd
Schilling „Einsparung“ bis 2003 oder für Lohnabschlüsse „im stabilitätskonformen
Rahmen“ sowie für Umverteilungen unter dem Titel „Senkung der
Lohnnebenkosten“.
Sozialen
Absturz
verhindern
Insgesamt
gesehen bestehen für die weitere konjunkturelle Entwicklung viele
Unsicherheiten. Ob alle Auswirkungen der Umverteilungspolitik schon absehbar
sind, wissen nicht einmal die Wirtschaftsforscher. So schilderte z.B. die
Arbeitsmarktexpertin Dr.Gudrun Biffl die dramatische Lage von zehntausenden
Frauen, denen mit Streichung der Mitversicherung der Lebensstandard radikal gedrückt
wird - oder sie in prekäre Arbeitsverhältnisse treibt, wo sie erst recht
sozial unterprivilegiert sind.
Die Sperre
des Arbeitslosengeldes aufgrund verschärfter Bestimmungen trifft bereits
zehntausende Langzeitarbeitslose, die in der Statistik nicht mehr aufscheinen.
Hunderttausende wären jährlich betroffen, wenn für befristet Beschäftigte, für
SaisonarbeiterInnen usw. vier Wochen lang kein Arbeitslosengeld bezahlt wird.
Nicht zuletzt werden auch die vorgesehenen Studiengebühren für zehntausende
junge Menschen bzw. Familien einen radikalen Konsumverzicht bringen.
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