Liberalisierung bis zum Kurzschluss
Es gibt bekanntlich derzeit weltauf weltab ein neues Zauberwort: Es heißt „Liberalisierung“! Wer diese moderne Form des altbewährten „Abrakadabra“ über die verkrusteten Formen altertümlichen Wirtschaftens spricht, dem soll plötzlich wie beim „Esel, streck Dich!“ aus jedem Mist pures Gold erwachsen und jeder fade „old-economy“-Laubfrosch erscheint umgehend zur Wirtschaftswunderprinzessin wachgeküsst. Gerade so ergeht es derzeit angeblich den betulichen alten Stromversorgern, die in ihren Trutzburgähnlichen Kraftwerksbauten in den Alpen oder an der Donau hausen und die nun schleunigst ihr Fähnchen nach dem Liberalisierungswind hängen müssen, sollen sie nicht überhaupt von der ins Land drängenden Konkurrenz weggeblasen werden.
Von Heinz GRANZER.
Der
ungebremste Wettbewerb ist schließlich das höchste Gut in jener Europäischen
Union, auf deren Grundprinzipien wir uns „ohne Wenn und Aber“
eingelassen haben und dabei kann es dem zuständigen Wirtschaftsminister
Martin Bartenstein gar nicht rasch genug gehen. Seit Februar 1999 konnten
Großverbraucher ab 40 Gigawattstunden frei wählen, von wem sie ihren
Strom beziehen wollen. Aber bereits vor dem Beginn der Liberalisierung
haben große Stromkunden kräftige Nachlässe erhalten. Schon seit 1996
sind die Strompreise jährlich um 200 Millionen Schilling gesunken. Bei
Gesamtenergiekosten von 6,5 Milliarden Schilling errechnete die
Wirtschaftskammer für die Großbetriebe bereits eine Einsparung von 750
Millionen oder 11 Prozent. Manche Unternehmen haben sogar Nachlässe bis zu
50 Prozent erhalten.
Prinzhorn
zockt schon wieder ab
Hier hat
sich beispielsweise auch niemand Geringerer als der Parade-Industrielle
Thomas Prinzhorn seinen Sonder-Rabatt erblufft. Nachdem ein Vertrag über
Stromlieferungen des agressiv beworbenen Billigstroms „Yello“ von der
Energie Baden-Württemberg (EnBW) angeblich schon „unter Dach und Fach“
gewesen sein sollte, kam es dann doch zum Abschluss mit der gemeinsamen
Handels- und Vermarktungsfirma von EVN und Wien-Strom, der „e & s“
über 130 Gigawattstunden. Die Einsparung gegenüber dem damaligen
Strompreis wurde von Prinzhorn mit 50 Prozent bezeichnet. Es sollen nicht
einmal 20 Groschen gewesen sein, nach einem Turbinenausfall bekam Prinzhorn
laut Insidern angeblich von der EVN sogar Strom um 14 Groschen ...
Leidtragende
ist die steirische Steweag, die bis dahin das Prinzhorn-Werk von Brigl
& Bergmeister in Niklasdorf belieferte. Die Versorgung des deutschen
Standortes in Trostberg übernehmen die Bayernwerke.
Auch BILLA
hat es sich gerichtet
Seit Februar
diesen Jahres gilt die Liberalisierung bereits bei einem Jahresverbrauch
von 20 Gigawattstunden, damit wären bereits 32 Prozent des Marktes
„frei“. Das brachte der Industrie eine Preissenkung von 1,2 Milliarden
Schilling jährlich, für Gewerbe und Haushalte soll es laut
Wirtschaftsministerium 2,1 Milliarden Schilling im Jahr ausgemacht haben.
Gerichtet
haben es sich große Ladenketten, wie das beispielgebend BILLA vorgemacht
hat. Obwohl hier mit rund 1.600 Filialen ein Verbrauch von 405
Gigawattstunden gegeben war, war BILLA an sich als einer der Kettenkunden,
die an keinem Standort allein den vorgegebenen Schwellenwert von damals 40
Gigawattstunden überschreiten konnte, vom freien Einkauf ausgeschlossen.
Dieser Meinung war auch ein kleines steirisches
Energieversorgungsunternehmen, das die Durchleitung für BILLA-Standorte
vorerst verweigern wollte. Der Trick war freilich, dass BILLA zwar von der
EVN und Wienstrom-Tochter „e & s“ beliefert wurde, aber als
„industrieller Eigenversorger“ galt. Der Handelskonzern brauchte
lediglich eine Erzeugungsanlage zu leasen und nachzuweisen, über diese
verfügen zu können. Gemäß Stromgesetz Elwog können industrielle
Eigenversorger dann ihre Standorte mit eigenem Strom beliefern, ohne dass
die Durchleitung verweigert werden darf ...
Nicht einmal
auf EU-Fristen warten
Die
EU-Richtlinie sieht vor, dass es ab 19. Februar 2003 zu einer Marktöffnung
für Großverbraucher mit mehr als neun Gigawattstunden kommen soll, was
auch für Gewerbe und Haushalte gilt. Das ging freilich vielen nicht rasch
genug und so soll bereits ab Oktober nächsten Jahres die totale
Liberalisierung erfolgen. Nach einer Studie des
Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) soll dies ein weiteres
Preissenkungspotential von 12 bis 15 Prozent enthalten. Das würde für die
Verbraucher eine neuerliche Ersparnis von sechs bis sieben Milliarden
Schilling bedeuten. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch
von etwa 3.500 Kilowattstunden (KWh) im Jahr wäre das ein Körberlgeld von
910 Schilling jährlich. Selbst wenn man die ab 1. Juni geltende
zehnprozentige Energieabgabe auf Strom davon abzieht, verblieben noch 510
Schilling pro Haushalt...
Eine solche
„Milchmädchenrechnung“ ist freilich für Karl Skyba, dem Chef der
Wiener Stadtwerke, der reinste Hohn. Bei der Wienstrom würden nämlich
rund die Hälfte der Kunden ohne Steuern und Netzkosten keine 900 Schilling
im Jahr zahlen. Denen müßte man also noch etwas dazuzahlen, damit die
abgeblich ersparte Summe stimmt ...
Stromsteuer
sorgt für Empörung
Scheinheilig
betonte auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel Ende März, er erwarte, dass
die Erhöhung der Leitungsgebühr von 10 auf 20 Groschen nicht an die
Konsumenten weitergegeben werde, was ebenfalls große Entrüstung auslöste.
Innerhalb der EU würden nur noch die schwedischen Haushalte stärker zur
Kasse gebeten, hieß es. Heftig kritisierte dies auch Dietmar Wenty, der
Energieexperte der Arbeiterkammer: „Damit werden die Kleinkunden um die
Früchte der kürzlich durchgeführten Strompreissenkungen gebracht.“
Die
Stromsteuer würde auch nicht nur um 10 Groschen, sondern um 10,64 Groschen
plus 20 Prozent Mehrwertsteuer erhöht! Dies geschehe durch einen Trick
beim Aufrunden des Eurobetrags im Zuge der Verdoppelung der Stromsteuer.
Insgesamt brächte die Verdoppelung der Energiesteuer Mehreinnahmen von 2,5
bis 3 Milliarden Schilling im Jahr, davon 1,2 Milliarden von den
Haushalten. Dabei werden aber laut Wenty gerade große, energieintensive
Industrieunternehmen über die Deckelung bevorzugt: Diese zahlen ja nicht
die gesamte Steuer für jede verbrauchte Kilowattstunde, sondern nur
maximal 0,35 Prozent vom Nettoproduktionswert, der sich aus dem um die
Vorleistungen verringerten Umsatz ergibt.
Die
E-Wirtschaft selbst sieht sich natürlich außerstande, diese Erhöhung
aufzufangen. Die Tarife wären bereits im Vorjahr um fünf Milliarden
gesenkt worden. Die Wienstrom müsste dann Strom überhaupt unter den
Deckungskosten verkaufen. Und für Wolfgang Messner, dem Vorstandschef der
Grazer Stadtwerke geht es dabei im Gespräch mit dem „Standard“ überhaupt
um das „Eingemachte“: „Zu einer Zeit, wo der Wettbewerb am Strommarkt
an die Substanz geht, ist das nicht möglich, auch beim besten Willen
nicht.“
Der Effekt
der Steuererhöhung sei, dass die Hälfte der den Kunden gewährten
Verbilligung weg sei. „Wenn ich mich noch daran erinnere, wie uns die
Politik die Liberalisierung in höchsten Tönen gepriesen hat. Und jetzt
sieht das alles wegen höherer Gründe der Politik wieder ganz anders
aus.“
So eine
Marktöffnung kostet
So einfach
ist das auch nicht mit der 100-prozentigen Marktöffnung. Die britische
Beratungsfirma Logica hat aufgrund der Erfahrungen in Großbritannien und
Australien für Österreich Liberalisierungskosten im Ausmaß von 930
Millionen Schilling ermittelt. Um brancheneinheitliche Rahmenbedingungen für
den Handel mit Strom zu schaffen wäre alleine schon eine Vorlaufzeit von
neun bis zwölf Monaten nötig. Dazu käme noch die Adaption der Ablese-
und Abrechnungssysteme, die 12 bis 15 Monate in Anspruch nehmen würde.
Auch die Arbeiterkammer konstatiert, das eine vollständige Marktöffnung
Regeln für eine permanente Abrechnung erfordere. Der Geschäftsführer von
Pricewaterhouse Cooper Österreich, Walter Boltz, der für das WIFO eine
entsprechende Untersuchung gemacht hat, geht ebenfalls davon aus, dass die
Marktöffnung mindestens zwei Jahre dauert. „Das Datum 2001 ist ein
keinesfalls nachvollziehbarer und realisierbarer Wunsch“, kritisiert auch
Karl Sykba von den Wiener Stadtwerken und sieht ein „totales Chaos“
bevorstehen. „Weltweit hat noch niemand die Umstellung auf den Markt in
weniger als zweieinhalb Jahren zustande gebracht: Das wird dann wahnsinnig
teuer, innerhalb der Branche wird ein riesiger Streit ums Geld
ausbrechen“, fürchtet der Stadtwerke-Chef.
Tatsächlich
sollte etwa das finnische Beispiel zu denken geben. „Eineinhalb Jahre
sind nicht genug Zeit für eine Marktöffnung“, berichtete Heikki
Koivisto, Chef des finnischen Fernwärmeverbandes. In Finnland hatte man
sogar vier Jahre Zeit zur Vorbereitung, man stecke aber noch immer in einer
Übergangsphase vom Monopol zum Markt. Dabei wären die Strompreise völlig
verfallen, kaum ein Erzeuger mache Gewinn.
In der nächsten
Nummer:
* Das alles führt zu Konzentrationsprozessen begleitet von Dumpingpreisen.
* Woher aber kommt das Geld für die so gepriesenen Preissenkungen? Wer zahlt die Zeche? Gespart wird bei den Beschäftigten, aber auch bei Investitionen. Mit der Sicherheit der Versorgung ist es da unter Umständen vorbei, zeigt etwa das Beispiel Kaliforniens
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