UNTER BLITZ UND DONNER

Von Heinz GRANZER .

Mit einer der entsprechenden EU-Richtlinie in einer Art vorauseilendem Gehorsams schon vorzeitig zu einer hundertprozentigen Marktliberalisierung der Elektrizität nützenden Gesetzgebung prescht Österreich wieder einmal vor, obwohl dafür eigentlich eine längere Vorlaufzeit - auch aufgrund internationaler Vergleiche - besser gewesen wäre. Zu unterschiedlich sind schließlich die diversen Folgen für die Beteiligten.

So zeigt etwa das Beispiel Großbritanniens, dass zumindest in der ersten Phase der Marktliberalisierung lediglich die Stromanbieter von den Preissenkungen profitiert haben. Erst nach Intervention einer Stromregulierungsbehörde sind auch die Preise für die Endverbraucher gesenkt worden. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich nun zum Beispiel auch in Wien ab. Auch bei der Wienstrom geht man davon aus, dass es profitabler ist, jene 45.000 Haushalte zu begünstigen die mehr als 6.200 Kilowattstunden jährlich verbrauchen, als die Kleinabnehmer, auch wenn diese mehr als 95 Prozent der Kunden ausmachen. "Es ist billiger, 6.000 Kilowattstunden an einen Kunden zu verkaufen als an zwei", rechtfertigt etwa Generaldirektor Franz Skyba von den Wiener Stadtwerken diese Vorgangsweise.

DIE FRANZOSEN IM VORMARSCH

In diesem Sinne ist ein erbitterter Konkurrenzkampf vor allem um die Großabnehmer von Strom entbrannt, der zu atemberaubenden Konzentrationsprozessen führt. Führend in der europäischen Rangliste liegt derzeit die "Electricité du France" (EdF). Deren Privatisierung wurde durch den Einspruch der französischen Kommunisten allerdings verhindert und die französische Regierung verzögerte trotz der einschlägigen EU-Richtlinie gegen Strom-Monopole die Marktöffnung um rund ein Jahr. Dies wurde nicht zuletzt dadurch ermöglicht, dass die Franzosen entscheidende Schlüsselpositionen in den EU-Instanzen wie etwa in der für Energie zuständigen Generaldirektion XVII oder in der für den Wettbewerb zuständigen Generaldirektion IV innehaben. Da die Franzosen keine ausländische Konkurrenz ins Land lassen, ist ihnen freilich nach dem Reziprozitätsprinzip ein Stromexport eigentlich selber nicht gestattet. Die EdF nützt die gewonnene Zeit freilich, in ganz Europa ihre Claims abzustecken und lokale Versorgungsunternehmen aufzukaufen. So erwarb sie etwa 1999 die London Electricity um umgerechnet 42 Milliarden Schilling und sicherte sich um 160 Millionen Pfund die drei Millionen Kunden des südenglischen Versorgers SWB. In diesem Jahr verfügte die EdF damit bereits über 15 Millionen Abnehmer außerhalb Frankreichs, beispielsweise auch in Lateinamerika, Schweden, Polen, Ungarn und Österreich. Hierzulande hält die EdF ja die Sperrminorität an der steirischen ESTAG. Auch am Erwerb des 25-prozentigen Landesanteils an der oberösterreichischen Energie AG wäre die EdF interessiert. Hier gibt es freilich einen gegen die Stimmen der ÖVP beschlossenen Auftrag des Finanzausschusses des oberösterreichischen Landtags, einer österreichischen Lösung den Vorzug zu geben und vor allem kein atomstromerzeugendes Unternehmen zum Zug kommen zu lassen. Das trifft neben den höchst interessierten Bayernwerken letztlich auch die EdF, die zwar 15 Prozent ihres Stroms mittels Wasserkraft erzeugt, aber zu 77 Prozent eben aus Atomenergie in ihren 59 AKW. Nun wettert zwar Landeshauptmann Pühringer einerseits gegen tschechische Atomkraftwerke und unterstützt einschlägige Grenzblockaden, urgiert freilich aber auch jene Milliarden, die ihm durch eine solche Beschränkung des möglichen Käuferkreises verloren gingen...

DIE DEUTSCHEN VEREINIGEN SICH WIEDER

Zweitgrößter Stromerzeuger Europas ist schließlich die italienische ENEL, die freilich privatisiert wird und ihre Produktion bis 2001 halbieren muss, um auch anderen Mitbewerbern den Einstieg zu ermöglichen. Das schließt auch die Abtretung von 15.000 Megawatt an installierter Kapazität ein, woran unter anderen auch die österreichische Verbundgesellschaft äußerst interessiert ist. Hiezu wurde ein 26-prozentiger Anteil an der Joint-Venture Gesellschaft ENERGIA der Compagnie Industrial Riunite erworben. In der Rangliste folgen nun die deutschen Energiekonzerne RWE und E.ON. Durch den Erwerb der in Dortmund beheimateten VEW mit ihren 5,5 Millionen Kunden in Nordrhein-Westfalen um umgerechnet 60 Milliarden Schilling ist nun eine RWE-Neu entstanden mit einer Kapazität von 150 Milliarden Kilowattstunden und 170.000 Beschäftigten. In der Zentrale in Essen wird der Abbau von 3.200 Beschäftigten als "sozial verträglich" bezeichnet, aber insgesamt ein Abbau von 12.500 Stellen angepeilt. Schließlich sollen die mit 6,88 Milliarden Schilling ermittelten Kosten dieser Fusion durch entsprechende Synergie-Effekte im Ausmaß von 9,89 Milliarden wieder wettgemacht werden.

Durch die Vereinigung der Konzerne VEBA und VIAG zur E.ON entsteht auch ein Zusammenschluss von Bayernwerk und PREUSSENELEKTRA und damit wiederum der größte Stromhändler Europas mit einer Kapazität von jährlich 60 bis 70 Terrawattstunden. Auch hier werden 51 Prozent des Stromes in Atomkraftwerken erzeugt, sechzig Prozent des Handelsumsatzes werden außerhalb Deutschlands getätigt.

Vor diesem Hintergrund der in Europa dominierenden Riesenkonzerne auch aus den unmittelbaren Nachbarländern ist die Kritik des Beratungsunternehmens PWC (PRICEWATERHOUSE COOPER) am Rückstand Österreichs verständlich. Hier investierte etwa ein Ost-Konsortium mit EVN und Wienstrom 15 Milliarden für einen 27-prozentigen Anteil an der Verbundgesellschaft, die dafür mittels der Energie Austria gemeinsam mit der Energie AG OÖ und der steirischen Estag sechs Milliarden für den Erwerb einer Sperrminorität an der EVN aufgewendet hat. Das ermöglicht gerade noch eine wechselseitige Blockade .

AUF KOSTEN DER BESCHÄFTIGTEN

Einig ist man sich da lediglich bei den Einsparmaßnahmen auf Kosten der Beschäftigten. Die Arbeiterkammer diagnostizierte bereits im Oktober des Vorjahrs einen Rückgang der durchschnittlichen Beschäftigung in den Landesversorgungsunternehmen mit Ausnahme Wiens und den Sondergesellschaften um 3,8 Prozent auf 16.766 Beschäftigte. Seit 1995 wären es 2.822 weniger, das bedeute einen Rückgang um 14,7 Prozent in vier Jahren. Im Dezember vorigen Jahres wurde auch der letzte Kollektivvertrag für insgesamt 23.000 Beschäftigte ausgehandelt. Hier kam es zu einer "erweiterten Verteiloption" für beschäftigungssichernde Maßnahmen, wie etwa bereichsbezogene Arbeitszeitverkürzungen mit Gehaltsausgleich und einer Laufzeit von mindestens drei Jahren. Bei einer Ist-Lohnerhöhung von 1,6 Prozent konnten 0,5 Prozent zugunsten von Stiftungen umgeleitet werden, wenn diese mit insgesamt einem Prozent der Ist-Löhne dotiert wurden. Weiters wurde eine Entgeltsicherung bei Organisationsauflösung vereinbart.

In diesem Bereich wurde für den Zeitraum von 1996 bis 1999 ein zehnprozentiger Rückgang der Beschäftigten in der Höhe von 3.000 festgestellt. Nach Ablauf weiterer drei bis vier Jahre sollen es nur noch 17.000 Beschäftigte sein. Im Oktober dieses Jahres stellte der Energie-Experte der Arbeiterkammer, Dietmar Wenty, fest, dass von derzeit unter Einschluss der Stadtwerke 20.000 Beschäftigten mindestens tausend ihren Arbeitsplatz durch Rationalisierung, aber vor allem auch durch die Schließung kalorischer Kraftwerke verlieren würden. Bei den Landesenergiegesellschaften, die 1998 noch 5.000 Beschäftigte aufwiesen, würden noch weitere fünf bis zehn Prozent abgebaut. Auch bei den Sondergesellschaften etwa für die Wasserkraftwerke des Verbunds würden noch tausend Stellen verloren gehen. Bei der EVN oder der KELAG wäre zwar "kein Speck mehr drinnen", aber in Wien wäre noch einiges zu erwarten.

BEI DEN KOSTEN GESTRANDET

Die Bundeshauptstadt verfügt schließlich vor allem über kalorische Kraftwerke, die ansonsten allenthalben zum Zusperren verurteilt wären. Das ginge aber in Wien nicht, weil da auch die ganze Fernwärme dranhinge. Ähnliche Probleme gibt es auch mit der an sich so sinnvollen Kraft-Wärme-Kopplung: Hier würde zwar Strom erzeugt, der Kosten über dem Marktpreis verursacht, aber sozusagen wiederum als Nebenprodukt der Wärmeerzeugung.

Bei der Verbundgesellschaft ist man wiederum stolz darauf, am billigsten Strom aus Wasserkraft zu erzeugen. Trotzdem sind von den 8,7 Milliarden von Österreich an die EU gemeldeten "stranded costs", also Ausgaben, die mit den derzeitigen Preisen nicht mehr zu verdienen sind, allein 5,7 Milliarden auf das letzte Donaukraftwerk Freudenau zurückzuführen. "Das war halt eine politische Entscheidung", heißt es dazu heute lapidar und distanziert sich dergestalt auch von der einschlägigen Bewerbung für die damit verbundene Volksbefragung.

Mit weiteren 2,4 Milliarden Schilling schlägt auch die Förderung für die im kalorischen Kraftwerk Voitsberg verheizte Braunkohle zu Buche. Mit diesen Mitteln wird die Differenz vom Weltmarktpreis zum Vertragspreis für die in der Steiermark geförderte Kohle ausgeglichen. Entfällt diese Stützung, kann man nicht nur Voitsberg vorzeitig bereits 2002 schließen, dann ist auch der gesamte Bergbau von Graz-Köflach mit seinen 800 Arbeitsplätzen in Gefahr.

Spannend wird es aber trotz aller Einsparungen spätestens dann, wenn Stromversorger auf den Markt drängen, die über gar keine eigene Erzeugung mehr verfügen, sondern sich als "Junge Wilde" bei Strom-Pools eindecken, wo die Energie wie etwa beim skandinavischen Nord-Pool unter den Gestehungskosten zu erwerben ist. Sich von einer solch spekulativen Versorgung abhängig zu machen, kann sich freilich auf die Dauer als äußerst riskant erweisen, wie etwa Beispiele aus Kalifornien oder dem gerühmten "Goldenen Westen" der USA bereits heute schlagend beweisen.


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