TAXI REAL STATT TAXI ORANGE !

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Jener Teil der öffentlichen Meinungsbildung, der sich im Fernsehen und in den "Qualitätszeitungen" abspielt, ist geprägt von einer " Pseudo-Realität" und dieser steht eine " Reale Realität" gegenüber. Pseudo-Realität ist zum Beispiel "Taxi Orange": Hunderttausende fiebern mit der Pseudo-WG mit und solidarisieren sich mit unterschiedlichen Menschen, die versuchen, sich selbst möglichst gut zu inszenieren (was angesichts der permanenten Kamera-Beobachtung nur allzu menschlich ist). Reale Realität: Über das Problem der Einsamkeit oder das zu versagen ( werde ich einmal einen guten Job haben?) wird nicht mehr öffentlich gesprochen. Jene Politiker die einen permanenten Zugang zu den Massenmedien haben, sprechen so oft es geht vom "kleinen Mann", und schaffen damit eine "Pseudo-Realität". Reale Realität ist leider: Jene Menschen die den Reichtum schaffen, die Arbeiterklasse, ist längst aus der veröffentlichten Debatte verschwunden. Wenn über sie gesprochen wird, dann über Kostenfaktoren und Rationalisierungspotentiale.

Das Phänomen "dauernd in den Medien erwähnen aber nie wirklich darüber reden", trifft insbesondere auf Arme, ImmigrantInnen und prekär Beschäftigte zu.

Die von den Medien erzeugte "Pseudo- Realität" hat zwei wesentliche Gesichtspunkte:

1. Es kommen Wissenschafter und Künstler zu Wort, die aber möglichst wenig Partei für die Betroffenen ergreifen sollen. Bis auf wenige Ausnahmen gelingt diese Herrschaftsstrategie leider.
2. Wissenschafter sollen über ein Problem reden, die Betroffenen selbst sollen aber möglichst wenig zu Wort kommen.

Beobachtet man die Auseinandersetzung über das Thema " prekäre Beschäftigung" so trifft der zweite Gesichtspunkt fast zu 100 Prozent zu.

Das Herzerfrischende an Konrad Hofers Buch ist, dass diese Herrschaftsstrategie gewollt oder ungewollt durchbrochen wird. Wie schauts mit dem Einkommen als Taxler aus? Wer zahlt den "Kutscherhof" im Nobelbezirk? Bei "Taxi Orange" werden wir das nie erfahren. Nach der Lektüre von " Arbeit ohne Schutz" kann man sich ausrechnen, dass der Kutscherhof wohl kaum mit dem Einkommen der Pseudo-Taxler bestritten wird.

Man muss nicht mit allem von Konrad Hofer einverstanden sein, aber die Tatsache, dass er massiv Betroffene zu Wort kommen lässt, muss unterstützt werden. Das Buch handelt von Taxifahrern, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, Werbemittelverteilern und Journalistinnen. Ein großer Teil sind Erfahrungsberichte von Konrad Hofer, der dazu längere Zeit als Taxifahrer und Zettelverteiler gearbeitet hat. Dieses Buch ergreift auch gewollt oder ungewollt Partei für die Betroffenen. Schon durch den Titel. Endlich ist einmal von "Arbeit ohne Schutz" und nicht von " prekärer Beschäftigung" die Rede.

Manche in der linken Gewerkschaftsbewegung befassen sich mit der Frage : Welche Rolle atypisch Beschäftige in der Arbeiterinnenbewegung spielen könnten. Ihnen sei folgendes Zitat einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin eines - aus dem Ministerium ausgegliederten - Instituts ans Herz gelegt:

"Oft arbeite ich mehr als 40 Stunden die Woche, fahre wie gesagt nach Brüssel und bin auch sonst im Büro voll integriert, aber die Entlohnung ist viel zu niedrig. Ich komme mir oft wahnsinnig ohnmächtig vor. Ich muss diese unbefriedigende Arbeitssituation einfach hinnehmen. Ich darf mich nicht im Freundeskreis beklagen um ja keinen Rausschmiss zu riskieren. Meine Zukunft ist ungewiss. Die Ungerechtigkeit möchte ich laut hinausschreien, aber ich darf es aus Vernunftgründen nicht weil ich sonst selbst diese Arbeit verliere. Ich bin eine "freie" Mitarbeiterin heißt es, ich fühle mich aber nicht frei sondern im Gegenteil ohnmächtig, abhängig und eingesperrt, unmündig und wehrlos".

Ein Zitat, das beweist, dass Betroffene durchaus etwas über ihrer Situation zu sagen hätten. Ihnen den nötigen Raum in der öffentlichen Debatte zu erkämpfen, wird letztlich unsere Aufgabe sein.

- Gehmacher -


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