
Systemviren
Von Manfred GROSS.
Bei einer der ersten Wiener Demonstrationen gegen den barbarischen Bombenkrieg der NATO gegen Jugoslawien machte einer der Redner darauf aufmerksam, dass sogenannte "Urangeschosse" zum Einsatz kämen, deren Folgen für die Menschen, die auf kontaminiertem Boden leben müssten unabsehbar wären. Unter anderem nannte er den Blutkrebs als eine der wahrscheinlichsten Spätfolgen - und er zitierte kritische Wissenschafter, die sich dazu bereits geäußert hätten. Das war damals. Heute zeigen sich die Medien überrascht, weil bei den im Kosovo stationierten KFOR-Truppen in auffälliger Häufung Leukämie auftritt. Die Politiker, welche die Einsatzbefehle unterschrieben haben, waschen ihre Hände sowieso in Unschuld - niemals, ja, wirklich niemals hätte man nur irgendetwas von diesen Dingen gehört. Und die Generäle ? Sie wissen auch nichts, da es ja nicht ihre Aufgabe ist, irgendwelchen hergelaufenen Wissenschaftern zuzuhören. Die Unschuldigsten der Unschuldigen aber sind die Rüstungsindustriellen. Sie lassen nun Gutachter in Reih und Glied antreten, die allesamt wissen wollen, dass es zwischen dem Einsatz der strahlenden Geschosse und den Erkrankungen gar keinen Zusammenhang geben könne. Und für alle, die es nicht glauben wollen, gibt es dann noch das österreichische Bundesheer, das der staunenden Welt treuherzig versichert, dass es unter den österreichischen Soldaten keinen einzigen Erkrankungsfall gäbe. Es war sicher alles nur Einbildung. Und wenn es doch kranke und bereits an der Leukämie verstorbene Soldaten gibt - von der Zivilbevölkerung weiß man ohnehin nichts - dann muss es eben andere Ursachen geben. So wurde kürzlich eine Medienkreation vorgestellt, die in Sachen Propaganda ihresgleichen sucht: Das "Balkan-Virus". Der gehemnisvolle Erreger kam aus dem Nichts - und im Nichts soll er wieder verschwinden, wenn in der Frage der Uranmunition endlich wieder jene Ruhe herrscht, die Friedhöfen eigen ist ... Ein Virus anderer Art, aber für die Betroffenen ebenso mit tödlichen Folgen verbunden, ist die BSE-Erkrankung der Rinder und die damit verbundene Übertragung auf den Menschen. Als bereits in den achtziger Jahren in England manifest wurde, dass zehntausende Rinder verseucht waren, hieß es erst einmal: "Keine Gefahr für den Menschen". Als dann eine deutsche Expertin vor einigen Jahren auf die Gefahren der Übertragung hinwies, wurde sie aus ihrem Job gefeuert. Und als sich endlich dann doch die Wahrheit Bahn brach, raffte sich unter dem Druck der Öffentlichkeit die Politik zu Maßnahmen auf - erst halbherzigen, dann schließlich wirkungsvolleren. Am Abend, bevor dieser Kommentar verfasst wurde, stellte sich heraus, dass das erste BSE-verdächtige Rind aus Österreich doch nicht erkrankt war. Großes Aufatmen allerseits. Doch die Spannung bleibt, wenngleich die Regierung mit Alarmplänen und verstärkten Kontrollen aufwartet. Die mit dem Problem verbundene Kernfrage bleibt aber lastend im Raum stehen: Das völlig pervertierte landwirtschaftliche Produktionssystem, wie es die EU ihren Mitgliedsstaaten und diese den Bauern geradezu aufzwingt. Gefördert wird in erster Linie Massenproduktion. Das begünstigt das agrar-industrielle Kapital und setzt die klassisch bäuerlichen Wirtschaften enorm unter Druck, weil sie für Qualitätsprodukte keinen entsprechenden Preis bekommen und Förderungen eben nur spärlich fließen. Die Konsumenten zahlen aber die volle Länge der ganzen Misere. Was hat das Balkan-Virus mit BSE zu tun. Die Idee, panzerbrechende Geschosse mit einem Urankern auszustatten, und die Verfütterung verseuchten Tiermehls - also Fleisch - an Wiederkäuer, um einen höheren Fleischzuwachs zu erzielen, entspringen derselben Quelle: Es ist die Profitwirtschaft, die kein Verbrechen und keine Perversion ausspart, wenn es darum geht, den Gewinn zu maximieren. Und daher wird auch keine Konsumentenbewegung hier und keine Initiative Betroffener dort etwas daran ändern, dass die nächsten Katastrophen bereits vorprogrammiert sind, wenn es nicht zur Bewegung gegen das Profitsystem an sich kommt.
Das mag wie eine alte Binsenweisheit klingen - wir sollten sie aber im Hinterkopf haben, wenn wir uns im neuen Jahr wieder zu Protesten und Demos gegen die Symptome dieses Systems richten ...
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