Keine Lieder im Gewerkschaftshaus

Gewerkschaft KMSfB und die Kunst

Es sollte ein schönes Fest werden: Die Ausstellungseröffnung desvielseitigen Künstlers Joseph Kühn Ende Jänner in den Räumlichkeiten der Gewerkschaft für Kunst, Medien, Sport und freie Berufe (kmsfb) im Haus "Concordia" in der Bankgasse 8. Titel des neuen Zyklus von Joseph Kühn: "Weltenmenschen in Menschenwelten"

Doch das Vorhaben endete schlussendlich in einem Desaster, noch bevor ein Bild an der Wand hing. Kühn: "Das Haus Concordia ist wunderschön. Der Ausstellungsort selbst sollte das eigentlich hässlich wirkende Büro der Gewerkschaft sein. Das hätte mich nicht gestört. Mich freute, dass ich in meiner Gewerkschaft meinen Berufskollegen meine Arbeiten hätte zeigen können ..."

Die Ausstellung sollte Gerald Grassl "singend" (!) eröffnen. Er wollte einen Text über Joseph Kühn zur Melodie von Jimmy Hendrix' "Hey Joe" vortragen. Außerdem das Gewerkschaftslied "Jo Hill". Zudem wollte er einen Essay vorbereiten: "Über die Dummheit in der Kunstkritik". Grassl: "Ich freute mich bereits auf diese Veranstaltung, denn im Concordia-Haus ist auch die Journalisten-Gewerkschaft beheimatet. Mich stört in der Kulturberichterstattung der Medien, dass darin bildende Kunst kaum mehr vorkommt. Und wenn, dann nur bei großen Events wie Picasso oder Klimt ... Und darüber hätte ich gerne mit Journalistinnen und KünstlerInnen diskutiert."

Doch dann "kam ein Anruf eines Gewerkschaftsfunktionärs, der bei mir ganz selbstverständlich innerhalb von zwei Tagen eine brauchbare, versendbare Einladung in einer Auflage von 310 Stück anforderte. Ich dachte: Öha! Wer zahlt mir das eigentlich? Und lieferte dennoch fristgerecht dem Auftraggeber..."

Kurze Zeit später meldete sich wieder die Gewerkschaft bei Kühn: Bei der Ausstellung dürften keine Lieder gesungen werden, weil dafür müsste man 50.000,- Schilling Abgaben an die AKM zahlen. Auch der Vortrag zum Thema Kunstkritik dürfe nicht gehalten werden, denn dafür müssten Abgaben an die LVG (Literarische Verwertungsgesellschaft) gezahlt werden.

Grassl war erstaunt: "In der Gewerkschaft darf ich kein Gewerkschaftslied singen? Im Haus der Journalistengewerkschaft wird mir das freie Wort verboten?"

Er erkundigte sich bei AKM und LVG über die angebliche Abgabepflicht für diese Veranstaltung. Dort zeigte man sich darüber bloß verwundert. Grassl klärte die Kollegen über den Irrtum auf und merkte kritisch an, dass man doch wegen einer solchen Formsache einem Autor keinesfalls verbieten dürfe, einen Vortrag über Kunst zu halten. Er bat mit jemandem von der Journalistengewerkschaft darüber diskutieren zu dürfen. Das war nicht möglich. Er rief bei der Kulturabteilung des ÖGB an, um über die Sache zu reden. Dort war man zwar verwundert, aber schließlich schien ja doch alles zu einem "guten Ende" gekommen zu sein ... Indes, es kam knüppeldick, wie man so sagt.

Am 4. Jänner beschloss der Vorstand der Gewerkschaft kmsfb, Fachgruppe Bildende Kunst "einstimmig", die geplante Ausstellung wegen einer angeblichen "Skandaldrohung des Herrn Grassl" abzusagen. In einem eingeschriebenen Brief an Joseph Kühn heißt es dazu zynisch "Wir bedauern diese Entwicklung."

Nun wollte Grassl eine Stellungnahme dazu von seiner Fachgruppe Journalisten hören. Man verweigerte über eine Woche lang, ihn telefonisch zu einem seiner Kollegen durchzustellen. Erst nach Interventionen beim Präsidium des ÖGB konnte die Vorsitzende der Journalistengewerkschaft, Frau Dr. Zimmermann, über die Ereignisse informiert werden. Sie war zwar darüber entsetzt, aber nicht überrascht: "Wir werden natürlich gegen diese Vorgänge protestieren, aber denen wird das vermutlich ziemlich egal sein ..."

Dr. Dieter Schrage vom Museum Moderne Kunst dazu: "Es ist bekannt, dass in der Künstlergewerkschaft ein äußerst konservatives Kunstverständnis herrscht. Dort ist eine Ausstellungseröffnung eher ein Anlass zur gefälligen Selbstpräsentation, bei der sich Funktionäre im Nadelstreif selbst im Mittelpunkt sehen wollen, aber nicht der Ort von kontroversiellen Diskussionen über Kunst ..."

So werden - vermutlich - die Vorstandsmitglieder der Künstlergewerkschaft auch Proteste von IG Autoren, Grazer Autorenversammlung und anderen vermutlich ganz nach einer Mir-san-mir-Mentalität eher kalt lassen.

Fazit? Es gibt eigentlich gar keines. Es geschah das, was am ÖGB leider gar nicht mehr verwundert. Den Schaden tragen alle: Die beteiligten Künstler - und der ÖGB ...

Somit musste die Ausstellungseröffnung von Joseph Kühn im Haus Concordia abgesagt werden.

Sie fand am Donnerstag, dem 25. Jänner 2001 im Literarischen Salon Uhudla statt


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