Der Wohlstand der Personen.

Festschrift zum 60. Geburtstag von Karl Georg Zinn.

Herausgegeben von Fritz Helmedag und Norbert Reuter.

Metropolis-Verlag Marburg 1999, 589 Seiten, ISBN 3-89518-257-5 Preis: 364,- Schilling.

Die ökonomischen Wissenschaften blenden die theoretische und wirtschaftspolitische Verarbeitung der "ökonomischen Zeitenwende" (Helmut Steiner) von der Mangel- zur Überflussgesellschaft und der parallel entstandenen Armut im Überfluss immer noch weitgehend aus. Während im 18. Jahrhundert notwendigerweise der "Wohlstand der Nationen" (Adam Smith) den Brennpunkt des Interesses bilden musste, rückt heute der "Wohlstand der Personen", verstanden als allgemeine Lebensqualität, ins Zentrum drängender Auseinandersetzungen.

Einer der wenigen Ökonomen, durch dessen wissenschaftliches Werk sich diese Thematik von den ersten Veröffentlichungen in den 60-er Jahren an bis in die Gegenwart hinein als roter Faden zieht, ist Karl Georg Zinn. Er gehört zur "zweiten Generation" von Ökonomen nach dem Zweiten Weltkrieg. 1969 habilitierte er sich mit einer Arbeit unter dem programmatischen Titel "Basistheorie des ökonomischen Wohlstandes in der Demokratie. Die Interdependenz von Gleichheit, Zeit und Nutzen und die verteilungspolitische Konsequenz". Seit 1970 hat Karl Georg Zinn einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen inne. Die herausragende Publikationstätigkeit des Jubilars (24 Monographien, Herausgeber von sechs Publikationen sowie über 300 Aufsätze) wird von der inhaltlichen Breite seiner Veröffentlichungen noch unterstrichen. Es existiert kaum ein Bereich in der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin, dem sich Karl Georg Zinn nicht ausführlich gewidmet hat - und hierbei darf Ökonomie getrost in dem weitesten dafür gebräuchlichen Sinn verstanden werden: Von der Beschäftigung mit der Dogmengeschichte, über die Konjunktur-, Verteilungs-, Planwirtschafts-, Arbeitswert-, Wachstums-, Wohlstand-, Arbeitsmarkt-, Preis-, Kosten- und Entwicklungstheorie bis hin zu einer vielbeachteten Neuinterpretation der Ursprünge der Neuzeit im 14. Jahrhundert reicht das Spektrum. Die Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Problemstellungen war und ist für Karl Georg Zinn nie Selbstzweck, sondern Ausdruck eines geradezu leidenschaftlichen Erkenntnisinteresses, das von dem prinzipiellen Bestreben angetrieben wird, wie Wesley C. Mitchell sich einmal ausgedrückt hat, "to make this world a better place in which to live". Darüber hinaus bedeutet für Karl Georg Zinn Ökonomie immer Politische Ökonomie, wenngleich dieser Begriff im ökonomischen Mainstream unterdessen fast zum "Unwort" geworden ist.

Wie der Titel der Festschrift bereits andeutet, beleuchten die Beiträge der vorliegenden Festschrift aus verschiedenen Blickwinkeln Fragen des Wohlstands der Personen unter den besonderen Bedingungen reifer Industriegesellschaften. Im ersten Kapitel nähern sich fünf Autoren der Problematik des "Wohlstands der Personen" aus unterschiedlichen "Perspektiven sozialtheoretischer Entwürfe". Kurt Lenk erinnert von der philosophischen Warte Schopenhauers aus an den fehlenden Nexus zwischen Glück und Wohlstand auf der einen und materiellen Dingen auf der anderen Seite und warnt vor einem "vom Wachstumsfetisch befeuerten Turbokapitalismus". Wilfried Röhrich legt Gewicht auf die fundamentale wohlstandsrelevante Bedeutung demokratischer Strukturen in Staat und Wirtschaft und wendet sich gegen Elitetheorien, die sich auf Entwürfe von Schumpeter und Downs berufen. Wie Fritz Helmedag ausführt, taugt der "harte Kern" der dominierenden neoklassischen Schule keineswegs als verlässlicher Bezugspunkt ökonomischer Analysen schlechthin. Hans G. Nutzinger spinnt diese Fragestellung gewissermaßen fort, indem er nach dem Bleibenden der Marxschen Werttheorie für eine zeitgenössische Wertediskussion in der Ökonomik fragt. Günther Chaloupek kritisiert anschließend die übliche Reduktion der Österreichischen Schule auf die Lehren von Hayek und Mises und dokumentiert, dass wirtschaftliche Interventionen zur Abwendung unerwünschter gesellschaftlicher Entwickungen von bestimmten Vertretern durchaus gutgeheißen worden sind.

Unter der Überschrift "Ökonomische Konzepte und Akteure" erörtern wiederum fünf Autoren den Einfluss alternativer Rahmenordnungen auf den "Wohlstand der Personen". Ulrich Peter Ritter markiert die Bedeutung eines dynamischen Verständnisses von Wirtschaftssystemen und betont in diesem Zusammenhang die Rolle demokratischer Strukturen. Werner Wilhelm Engelhardt verweist auf die Bedeutung utopischer Entwürfe, da ohne Leitbilder die notwendige wirtschaftliche und gesellschaftliche Gestaltung keine Richtung hat. Fritz Vilmar arbeitet die Bedeutung einer Demokratisierung der Wirtschaft für die Entwicklung einer humanen Gesellschaft heraus. Siegfried Katterle nimmt das Sozialwort der Kirchen zum Anlass, vor den Folgen eines neoliberalen Umbaus unserer Gesellschaft zu warnen und fordert statt dessen die Verwirklichung des Programms der Sozialen Marktwirtschaft ein. Herbert Schui hegt indes Zweifel, ob diese hält, was sie als Alternative zu marktradikalen Vorstellungen verspricht. Am Beispiel der Stellung der Gewerkschaften sind in seinen Augen Interpretationen möglich, welche die Soziale Marktwirtschaft geradezu als Gegenpol zum gemeinwohlverpflichteten Interventionsstaat erscheinen lassen.

Das dritte Kapitel vereinigt Überlegungen, die um "Handlungsoptionen im Kapitalismus" kreisen. Rudolf Hickel plädiert für eine Rückkehr zu einem aufgeklärten Keynesianismus im nationalen Umfeld und Jörg Huffschmid entwickelt Grundlinien einer beschäftigungsfördernden Wirtschaftspolitik für Europa. Kurt W. Rothschild legt schließlich dar, dass der Trend zur Globalisierung keineswegs als zwingend zu begreifen ist, sondern seine Wurzeln in der einseitigen Orientierung der Wirtschaftspolitik auf Standortvorteile hat, eine Tendenz, der durch die Formierung einer neuen "countervailing power" auf nationaler und internationaler Ebene ein Riegel vorgeschoben werden kann.

Das vierte Kapitel fokusiert die gerne verdrängten "Grenzen des Wachstums". Hermann Bartmann kritisiert die ökologischen und verteilungspolitischen Ergebnisse einer ausschließlich auf Expansion setzenden neoliberalen Wirtschaftspolitik. Jan Priewe analysiert die Umweltwirkungen einer fortgesetzten Steigerung des Sozialprodukts und erkennt ebenfalls die Notwendigkeit staatlich definierter "makro-ökologischer Leitplanken", die - abhängig von den erschließbaren technologischen Potentialen und den Konsumentenpräferenzen - das verträgliche Maß an Wachstum definiert. Im letzten Kapitel behandeln vier Beiträge die "Praxis von Wirtschaft und Wissenschaft". Der Festschrift ist ein Verzeichnis der Veröffentlichungen von Karl Georg Zinn während der Jahre 1966-1999 beigegeben. # - Josef Schmee - -

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