
Homerisches Gelächter bei der FPÖ:
CHEMIEFASER LENZING VON BRITISCHER KONKURRENZ GESCHLUCKT
Von Heinz GRANZER.
Der ehemalige Finanzminister Hannes Androsch hätte sich gern des weltweit operierenden Chemiefaserkonzerns Lenzing ebenso angenommen wie bereits bei den Salinen. Gemeinsam mit einer Bietergruppe mit Generaldirektor Scharinger von der Raiffeisen Landesbank (RLB) Oberösterreich an der Spitze bot er 80 Euro je Aktie. Mit der britischen Investmentfondsgruppe CVC Capital Partners sollte ihm freilich ein harter Konkurrent erwachsen, der ihn schließlich auch mit einem Angebot von 90 Euro ausbooten konnte. Ausgerechnet Parteifreund Randa als Bank-Austria-Chef hatte sich eisern an die ihm vorgegebene Devise gehalten, nur auf den Preis und auf nichts anderes zu schauen und alle anderen Überlegungen hintan zu stellen.
Da konnte Hannes Androsch noch so sehr davor warnen, dass die CVC mit immerhin 64 Prozent am Hauptkonkurrenten ACORDIS beteiligt wäre und lediglich die Absicht habe, auf Kosten von Lenzing dieses dahinsiechende Unternehmen aufzupäppeln. Auch RLB-General Scharinger warnte vergebens vor der Gefahr, dass Unternehmenszentralen ins Ausland wandern könnten, sodass dem Management die regionale Verantwortlichkeit abginge. Man müsse auch darauf achten, dass kein „know-how" verloren ginge.
„Da wird immer wieder beschworen, dass wir mehr österreichische Industrie bräuchten und dann verhökert man wichtige Betriebe ins Ausland", nahm Hannes Androsch auch ein entsprechendes Hohngelächter der FPÖ vorweg. Tatsächlich sprachen sich der freiheitliche Wirtschaftssprecher des Burgenlands, Gabriel Wagner und der F-Abgeordnete Karl Schweitzer umgehend gegen den Lenzing-Verkauf an CVC aus.
ENTSTAATLICHUNG
UM JEDEN PREIS
Mit 80 Prozent der Aktien war die Bank Austria als ehemals überwiegend staatseigene Bank Haupteigentümer an der Chemiefaser Lenzing. Mit dem Verkauf der Bank an die bayerische Hypotheken- und Vereinsbank wurde offensichtlich das alte Anliegen, sich von nicht immer einträglichen Industriebeteiligungen zu trennen, noch vordringlicher. Nicht zuletzt durch die ehrgeizigen Internationalisierungspläne waren in den letzten Jahren noch zusätzlich zu den zyklischen Ergebnisschwankungen der Branche kräftige Gewinneinbrüche zu verzeichnen. Auch die neue „Wunderfaser" Lyocell wird nicht so schnell vom Markt angenommen, wie man sich das gewünscht hat. Das um 1,9 Milliarden Schilling eigens für die Lyocell-Erzeugung mit rund 800 Millionen Schilling an Fördermitteln neu errichtete Werk der Lenzing Lyocell GmbH & Co KG im grenzüberschreitenden Business-Park Heiligenkreuz-Szentgotthard an der burgenländisch-ungarischen Grenze schrieb kontinuierlich hohe Anfangsverluste und erreicht erst jetzt die volle Kapazität von 20.000 Jahrestonnen. Die Beteiligung an der South Pacific Viscose in Indonesien, die mit billiger Massenware jahrelang stolze Gewinne abwarf, musste im Gefolge der Asien-Krise ihre Erträge entsprechend abwerten . Auch die verlustreiche Beteiligung am brasilianischen Zellstoffprojekt BACELL S.A. muss erst noch verdaut werden.
In den USA ist wiederum vor zwei Jahren vor allem aufgrund der billigen asiatischen Konkurrenz der Markt eingebrochen und das einst um kolportierte 500 Millionen von der BASF erworbene frühere AKZO-Werk Lenzing Fibers Corp. (LFC) in Lowland/Tennessee entpuppte sich nach teuren Sanierungen als Millionengrab.
EINSPARUNGEN
UND REKORDGEWINNE
Nur das oberösterreichische Stammwerk blieb auch in schwierigen Zeiten hochaktiv, dennoch hatten dort vor allem die Beschäftigten Einsparungen zu verkraften. Allein in zwei Jahren wurden 400 Arbeitsplätze aufgelassen und auch bei den Sozialleistungen Abstriche vorgenommen. Der fix vereinbarte 15. Monatsbezug etwa wurde durch eine „Erfolgsprämie" ersetzt, der sich am - von den Beschäftigten mit ihrer Leistung schließlich kaum zu beeinflussenden - Ergebnis aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) orientiert. Ein Fixbestandteil der Prämie betrugt zuletzt nur noch 30 Prozent und soll bis 2002 auf zehn Prozent absinken.
UNTER DEM
WERT VERKAUFT
Der nun kolportierte Kaufpreis des Konzerns wird mit 270 Millionen Euro angegeben, das wären umgerechnet etwas über 3,7 Milliarden Schilling. Allein das neue Lyocell-Werk im Burgenland kostete mehr als die Hälfte dieses Betrags. Mindestens eine weitere Milliarde ist in das Werk in Lowland/Tennessee gesteckt worden und natürlich ist auch die nach wie vor einträgliche indonesische Beteiligung als milliardenschwer zu betrachten, von den im Stammwerk in Lenzing und im know-how steckenden Werten ganz zu schweigen. Dennoch konnte kein höherer Kaufpreis realisiert werden, wobei sich dann natürlich die Frage stellt, warum man denn das Unternehmen unbedingt geradezu mit Gewalt loswerden musste.
Auch die Ankündigung neuer Rekordgewinne half da wenig, obwohl sich bereits in den ersten neun Monaten des letzten Jahres bei einem Konzernumsatz von 474,9 Millionen Euro das operative Ergebnis nach dem US-Standard GAAP auf 34,1 Millionen Euro verfünffacht haben soll. So bestimmen nicht etwa die tatsächlich in den Anlagen und wissenschaftlich-technischen Kompetenzen repräsentierten Werte den allfälligen Preis des Lenzing-Konzerns, sondern der mitunter doch rein spekulative Börsenkurs, der noch Mitte letzten Jahres nicht einmal den Buchwert von 63,14 Euro erreichte.
EIN WELTKONZERN
UM VIER MILLIARDEN
Mittlerweile ist der Kurs zwar gestiegen, aber mit 90 Euro je Aktie wird derzeit für das 80-Prozent-Aktienpaket des Konzerns lediglich der Betrag von 3,71 Milliarden Schilling bezahlt. Nach Abzug der Schulden verbleiben damit der Bank Austria allenfalls 1,7 Milliarden Schilling von diesem Abverkauf, der eigentlich erst einmal als Suche nach einem 49-prozentigen Kapitalpartner begonnen hatte !
Dabei ist die CVC Capital Partners pikanterweise auch zu 64 Prozent Eigentümerin des Lenzing-Hauptkonkurrenten ACORDIS, der Fasersparte einer von der britischen Courtaulds übernommenen hundertprozentigen Tochter von AKZO/Nobel NV Arnheim.
NEUE HOLDING IN LINZ
Nunmehr entsteht durch die Bündelung der Viskosefaser-Aktivitäten der beiden Unternehmungen ein noch von den relevanten Kartellbehörden zu genehmigender Konzern mit 7.500 Beschäftigten und 19 Milliarden Schilling Umsatz, wobei auf Lenzing etwas über dreitausend Beschäftigte und 7,6 Milliarden Umsatz entfallen. ACORDIS selbst verfügt ja über insgesamt 13.000 Beschäftigte und einen Umsatz von 30 Milliarden.
Laut CVC Managing Direktor Christian Wildmoser fungiert als Käufer des Lenzing-Aktienpakets der Bank Austria eine eigens gegründete „Zellulosefaser-Beteiligungsgesellschaft" namens „NewCo" mit Sitz in Linz. An dieser halten die von der CVC beratenen Private Equity-Investmentfonds 54 Prozent der Anteile und ACORDIS, der sein Zellulosefaser-Geschäft in die Holding einbringt, 18 Prozent. Das Management wird mit zehn Prozent beteiligt sein, für die restlichen 18 Prozent sind österreichische Co-Investoren vorgesehen. Letztere wurden auch von CVC als „österreichische Kernaktionäre" apostrophiert, für die sich vielleicht gerade noch eine Sperrminorität von 25 Prozent ausgehen könnte. Bislang konnte freilich nur die Oberbank dafür gewonnen werden, die etwa fünf Prozent an der Lenzing AG hält. Mitarbeiter-Beteiligungen, wie sie Hannes Androsch vorgesehen hatte, müsste sich der künftige Holding-Vorstand überlegen.
LENZING ALS
FASERHAUPTSTADT DER WELT
In der Belegschaft werden natürlich Befürchtungen laut, es könne der Lenzing gehen wie der Semperit. Die hat die deutsche CONTINENTAL schließlich auch der wichtigsten Forschungseinrichtungen beraubt, sodass das Werk in Traiskirchen immer wieder vom Zusperren bedroht ist. Daher beeilt man sich bei der CVC zu beruhigen und schmeichelt sogar. Lenzing würde zur „Faserhauptstadt der Welt" wird etwa versichert und Managing-Direktor Wildmoser sprach von einem „attraktiven Investment", das sich in fünf bis zehn Jahren rechne solle, das Engagement wäre also längerfristig angelegt. Man erwarte Renditen „im zweistelligen Bereich" und wolle nach vielleicht fünf Jahren auch „Lenzing neu" an die Börse bringen und dreißig bis vierzig Prozent der Anteile an ein breit gestreutes Publikum verkaufen.
Wichtigster Standort in der neuen Unternehmensgruppe wäre Lenzing, das als Kompetenzzentrum geführt würde. Das sei wichtiger, als die Nationalität der Eigentümer, meinte Wildmoser. Auch Lenzing-Chef Jochen Werz bezeichnete die Fusion als „große Chance". Jetzt werde man in allen Produktsegmenten „Nummer Eins". Auch bei der Lyocell-Erzeugung in Heiligenkreuz könne man nun mit einer Vollauslastung rechnen.
In diesem Zusammenhang verwies Wildmoser auch auf die Schließung des britischen ACORDIS-Werks in Grimsby und die sich bei der Produktion von Lyocell ergebenden großen Synergien. Diese würden allerdings nicht in den Personalbereich durchschlagen, versicherte er.
Die von Hannes Androsch geäußerte Kritik, ACORDIS wäre wirtschaftlich am Ende und würde nun auf Kosten von Lenzing saniert, wurde von Acordis-Chef Blaisse zurückgewiesen. Man habe voriges Jahr mit einem Umsatz von 2,4 Milliarden Euro die Wende („turnaround") geschafft und einen satten Gewinn erwirtschaftet.
DIE KASTANIEN AUS
DEM FEUER HOLEN
Eines flauen Gefühls im Magen kann man sich trotz all dieser vollmundigen Versicherungen dennoch nicht erwehren. Nur allzu deutlich zieht sich durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte der Unternehmensgeschichte wie ein roter Faden eine Art „Vormundschaft" etwa seitens des mächtigen AKZO-Konzerns. In dessen Rahmen wurde ja schließlich auch die „Wunderfaser" Lyocell ursprünglich entwickelt und dann der Lenzing AG in Lizenz zur Weiterentwicklung überlassen. Damit wollte man dann auch noch den riskanten US-amerikanischen Markt austesten und so wurde in Lowland/Tennessee der Teil einer Produktionsstätte von BASF erworben, der bis 1985 ebenfalls dem AKZO-Konzern gehört hatte. Die daraus resultierenden Verluste führten schließlich dazu, dass die neue Faser schließlich in Österreich erzeugt wurde. Aber auch so waren die Anlaufverluste horrend, die neue Faser setzte sich nur sehr langsam am Markt durch. Die Österreicher durften dabei die Vorreiterrolle übernehmen.
Dazu kam noch, dass die Konkurrenz in Gestalt von Courtaulds mittlerweile ein Unternehmen des AKZO-Konzerns übernommen und im britischen Grimsby mit der Produktion von „Lyocell" begonnen hatte, das unter dem Namen „Tencell" auf den Markt kam. Dies führte erst einmal zu einem heftigen Rechtsstreit um die Urheberschaft des Produktionsverfahrens, bei dem sich Lenzing an sich gute Chancen ausrechnete. Dennoch kam es überraschenderweise schließlich zu einem Vergleich, der sogar eine begrenzte Kooperation in den USA mit einschloss. Schließlich war die Faser ja ursprünglich von AKZO entwickelt worden ...
Nun hat CVC mit dem Nachfolgeunternehmen ACORDIS Lenzing zur Gänze vereinnahmt und sich dabei auch gleich die Früchte dieser kostspieligen Entwicklung vollständig aneignen können. Da war es wohl auch kein Zufall, dass Lenzing das von der staatlichen GBI vor dem Zusperren durch den ENKA/AKZO-Konzern gerettete Glanzstoff-Werk in Sankt Pölten zwar notgedrungen übernahm, es dann aber nach einigen gewinnbringenden Jahren schleunigst in den Konkurs gehen ließ. Offensichtlich wollte man dem übermächtigen ENKA/AKZO-Konzern nicht als Konkurrent in die Quere kommen. Das änderte freilich nichts an der Lebensfähigkeit der Glanzstoff, die mittlerweile unter dem neuen Eigentümer Grupp floriert. Dieser hatte sich ja auch sonst schon verschiedentlich der von den ehemals überwiegend staatseigenen Banken zum Zusperren bestimmten Industriebetriebe höchst erfolgreich angenommen und bewarb sich ebenfalls um Lenzing.
Blütezeiten also für jene Konzerne, die schon lange auf die verbliebenen Reste der ehemals staatseigenen Betriebe gespitzt haben. Im Zuge der allgemeinen Privatisierungshysterie scheint deren Stunde nun gekommen.
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