Jede Zeit ist unsere Zeit

Teil III

Von Michael GEHMACHER.

Arbeitszeitverkürzung ist ein Grundanliegen der ArbeiterInnenbewegung. Nicht zufällig stand im 19. und 20. Jahrhundert der Kampf für den 8-Stundentag im Mittelpunkt vieler Auseinandersetzungen. Trotz der vielen Errungenschaften, die erkämpft werden konnten, am Grundkonflikt Arbeit und Kapital hat sich nichts geändert. Auch heute geht es den Unternehmern darum, möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld zu bekommen. Arbeitskraft bleibt für sie eine Ware, die genauso wie andere Waren gekauft werden muss. Ein wichtiges Ziel, um einen möglichst hohen Profit zu erzielen, ist es den Preis der „Ware Arbeitskraft" möglichst nach unten zu drücken.

Dafür haben die Unternehmer verschiedene Strategien. In Österreich ist die Flexibilisierung der täglichen und der wöchentlichen Normalarbeitszeit eine wichtige Strategie. Durch die Ausdehnungsmöglichkeiten auf 10 Stunden am Tag und 50 in der Woche, ergibt sich für die Unternehmen die Möglichkeit, Menschen genau dann arbeiten zu lassen wenn entsprechende Aufträge da sind. Während früher bei guter Auslastung Personal aufgenommen wurde und in der Regel alles über der achten Stunde als Überstunde abgegolten wurde, sind heute Belegschaften dazu angehalten, zuerst Unmengen von Mehrstunden zu leisten und diese dann ( meist bei irgend einer unpassenden Gelegenheit) ohne eine entsprechende Vergütung abzubauen.

Eine zweite wichtige Möglichkeit für die Unternehmer bei den Löhnen und Gehältern zu sparen ist, nur mehr Teilzeitverträge mit den Beschäftigten abzuschließen. Wozu soll ein Handelsriese wie Spar oder Billa heute noch jemanden 38,5 Wochenstunden beschäftigen wenn er „ seine Angestellten" im Bedarfsfall sowieso wesentlich länger arbeiten lassen kann. Vor allem im Dienstleistungsbereich kommt es daher zu immer obskureren Formen der Flexibilisierung: Da gibt es Diensteinteilungen, wo an einem Tag 10 Stunden gearbeitet wird, am nächsten Tag dann wieder erst später begonnen wird oder extrem lange Mittagspausen anstehen. Diese „weißen Flecken" in einem Dienstplan sind meist Zeit zum Totschlagen und ändern sich außerdem häufig. Dadurch können die Betroffenen (in den meisten Fällen Arbeitnehmerinnen) auch keinen zweiten Teilzeitjob annehmen, da sich die zwei Jobs schnell überschneiden würden.

Denn die Frage wann gearbeitet wird entscheidet das Unternehmen, womit uns als Lohnabhängigen ein wesentlicher Teil an Lebensgestaltung abhanden kommt. Eine radikale Arbeitszeitverkürzung und ein Ende der Arbeitszeitflexilisierung würde also nicht nur mehr Freizeit und mehr Arbeitsplätze, sondern auch wesentlich mehr Selbstbestimmung über die eigene Zeit bringen.

In der Auseinandersetzung wer über unsere Arbeits- und Lebenszeit bestimmen kann, haben die Unternehmer einen wichtigen Etappensieg errungen: Die Novelle des Arbeitszeitgesetzes von 1997, von den „ Sozialpartnern" ausverhandelt und von der alten Regierung beschlossen.

Im Kern bedeutet diese Gesetztesänderung, dass die Arbeitszeit auf 10 bzw. 50 Stunden verlängert werden kann ( mit der sogenannten „Arbeitsbereitschaft" sogar noch länger), wenn der Betriebsrat (durch Betriebsvereinbarung) oder die Gewerkschaft (durch einen Kollektivvertrag) zustimmt. Am Beispiel dieses Gesetztes zeigt sich das politische Dilemma der Gewerkschaftsbürokratie: Einerseits ist sie politisch zu schwach um dem Druck der Kapitalseite standzuhalten. Andererseits hat sie kein Interesse die Mitglieder zu mobilisieren um einen entsprechenden Gegendruck zu erzeugen. Eine starke Mobilisierung würde die gesamte Sozialpartnerschaft und damit auch die derzeitige ÖGB- Führung in Frage stellen. Daher entschied sich die Gewerkschaftsführung für grünes Licht bei der Arbeitszeitflexibilisierung, gegen die Interessen der Arbeitslosen und der Arbeitenden. Sie hat damit gezeigt, wo sie im entscheidenden Fall steht.

Die ökonomischen Spielräume für die Unternehmer haben sich seit den siebziger Jahren sehr verschlechtert. Arbeitszeitverkürzung und eine Rücknahme der Flexibilisierungsschritte zu erreichen wird daher wesentlich mehr Mobilisierung als in den Siebzigern erfordern.

Diese Mobilisierung sollte von einer gemeinsamen Kampagne aller linken GewerkschafterInnen ausgehen.

Über Betriebsversammlungen und Aktionen auf der Straße sollte Druck auf die ÖGB- Führung und Druck für Arbeitszeitverkürzung gemacht werden. Gemeinsam für:

1. Mehr Mitsprachemöglichkeiten bei der Dienstplangestaltung und Arbeitszeiteinteilung.

2. Gegen „geteilte Dienste", die unnötige unbezahlte Löcher in den Tagesablauf bringen.

3. Eine radikale Verkürzung der Wochenarbeitszeit ist zuwenig, für den 6-Stundentag!

4. Für eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit, bei der sich die Betroffenen aussuchen können, ob sie eine Pause, eine Ausbildung machen, oder ob sie lieber früher in Pension gehen möchten.


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