
ÖGB- und FSG-Führung erkennen Zeichen der Zeit nicht
Von Michael GEHMACHER. *) Als die blau-schwarze Regierung antrat, gab es eine enorme
Widerstandsbewegung: Tägliche Demonstrationen, Großkundgebungen, Tausende
gingen auf die Straße. Zu einigen Großveranstaltungen mobilisierte auch der
ÖGB. Viele empfanden den Eintritt der FPÖ in die Regierung als eine enorme
Niederlage für die Sozialdemokratie und den ÖGB. Diese Einschätzung war und
ist richtig. Viele Menschen innerhalb und außerhalb der Sozialdemokratie
fühlten sich um ihren Kampf und Einsatz gegen die FPÖ betrogen. Die
Aktionen und Kampagnen verschiedener Initiativen konnten die Politik von
SPÖ und ÖGB nicht wett machen. Eine Politik, die ImmigrantInnen zu Menschen 2. Klasse machte, die
Arbeitslosigkeit und Sozialabbau vorantrieb, und die in ihren eigenen
Machtbereichen ohne jede Form der Mitbestimmung schaltete und waltete.
Diese Politik bereitete der FPÖ den Weg in die Regierung. Die Voraussetzungen für eine ehrliche Debatte über eine Reform von ÖGB und
Sozialversicherungen waren und sind so gut wie schon lange nicht mehr: 1. Eine enorme Niederlage durch den Machtantritt der FPÖ, müsste eigentlich
Debatten auslösen. 2. Eine starke Politisierung durch die Widerstandsbewegung 3. Angriffe auf die Sozialversicherungen und auf Berufsgruppen, die es
wagen, ihre Interessen mittels Streiks zu verteidigen. Diese Fakten schreien förmlich nach einer politischen Debatte zur Zukunft
der Gewerkschaftsbewegung. Doch wer sich eine ehrliche Debatte über die
Zukunft der Gewerkschaften erhofft hatte, muss nun erkennen, dass diese
Hoffnungen vergebens waren. Auch Bilder machen Politik, und wer die Schi-WM in St. Anton verfolgte und
Verzetnitsch und Tumpel bei der Schneeballschlacht mit der Regierung
gesehen hat, der weiß, was es geschlagen hat! Ein Musterbeispiel für sozialdemokratische Lernfähigkeit ist der Rausschmiss
des GLB- Vertreters aus der Versicherungsanstalt der Eisenbahner, wie sie
Ernst Wieser in der letzten Arbeit geschildert hat. Wenn es um Macht und
Einfluss geht, wird sich die FSG-Führung der blau-schwarzen Regierung
andienen, anstatt mit uns die Zusammenarbeit zu suchen. Ganz egal, ob wir
zweitstärkste Fraktion sind oder nicht. Wenn es um ihre Posten geht, werden
wir immer die Bauernopfer sein. Die Forderungen von Manfred Groß in der letzten Nummer der "Arbeit" nach
Demokratie, breiter Debatte mit den Betroffenen, Urabstimmung und der
Einbeziehungen neuer Schichten der ArbeiterInnenklasse in den ÖGB sind
vollkommen richtig. Aber sehen wir die Dinge, wie sie sind: Ohne Kampf geht
überhaupt nichts! Wir werden schon kämpfen müssen, um unsere derzeitigen
minimalen Mitspracherechte zu verteidigen. Als Betriebsrätinnen und Betriebsräte sind wir oft auf den ÖGB-Apparat
angewiesen. Wir müssen uns daher ein zweites unabhängiges Standbein durch
eigene Kampagnen und Aktionen schaffen, um unsere Kampfkraft zu verbessern. Michael Gehmacher ist GLB-Betriebsrat und Gewerkschaftssprecher der SLP.