Rezension von Helmedag, Fritz: Warenproduktion mittels Arbeit

Fritz Helmedag

Warenproduktion mittels Arbeit.

Zur Rehabilitation des Wertgesetzes.

Metropolis-Verlag, Marburg 1992, 365 Seiten, Preis: 437,- Schilling

Wie aus dem Untertitel abzulesen ist, geht es in der vorliegenden Untersuchung - eine frühere Fassung wurde an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen als Habilitationsschrift angenommen – nicht um die x-te Widerlegung der Arbeitswertlehre. Ganz im Gegenteil: Es wird zutage gefördert, dass allein die Aufteilung des gesellschaftlichen Mehrprodukts im Verhältnis zum jeweiligen Arbeitsaufwand in den einzelnen Wirtschaftsbereichen das Gleichgewicht freier Konkurrenz begründet. Dieses erstaunt insofern, da selbst bekennende Marxisten seit Jahren nicht mehr zögern, das Versagen der Wertlehre als Produktionspreistheorie zu unterstreichen.

Den zeitgenössischen Bezugspunkt hierzu liefert Piero Sraffas "Warenproduktion mittels Waren". Bei Existenz eines Überschusses weichen die in diesem System ermittelten Preise von den (Arbeits)Werten ab. Tatsächlich beruht Sraffas Theorie, so der Autor in seinem Vorwort, auf einer unbelegten Hypothese darüber, welchem Bildungsgesetz Preise im Konkurrenzgleichgewicht gehorchen. Bezeichnenderweise hat die ökonomische Forschung bislang auf die Prüfung verzichtet, ob diese Kalkulationsregel überhaupt die Anforderungen einer arbeitsteiligen, kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft zu meistern imstande ist. Nach dem in der Untersuchung durchgeführten Test versteht nur die Wertrechnung ihr Handwerk. Da die Fragestellung jedoch rein logischer Natur ist, also weder einen empirischen noch einen normativen Aspekt aufweist, gibt es Anlass zur Hoffnung, einen Beitrag zur endgültigen Klärung dieser zentralen Problematik der ökonomischen Theorie leisten zu können. Mit dieser eingenommenen Position ist es unvermeidbar, dass der Autor Emotionen weckt, da die Wertlehre als Kampftheorie der Arbeiterklasse gilt und stark ideologiebefrachtet ist. Aus dem in dieser Untersuchung versammelten Material ließe sich aber viel eher ableiten, die Wertlehre sei - sofern sie denn als argumentative Unterfütterung sozialer Interessen benutzt wird – eine Theorie der Leistungsgesellschaft.

Die vorliegende Untersuchung gliedert sich in drei Teile, wobei der Schwerpunkt des ersten auf erkenntnistheoretischem Gebiet liegt. Erhebt man Wahrheit bzw. Wahrheitsfähigkeit zum Kriterium der Qualität wissenschaftlicher Aussagen, so stellen die dort ausgebreiteten Überlegungen - der Natur der Sache nach - das schwächste Stück der Arbeit dar. Weder der "richtige" Gegenstand noch die "adäquate" Methode der Wirtschaftstheorie lassen sich definitiv bestimmen. Allerdings entpuppt sich das gängige Verfahren, das Erkenntnisobjekt der ökonomischen Theorie durch ein formales Prinzip zu umreißen, als missglückt. Eine Konkretisierung des Wirtschaftlichen tut not: Das empfohlene Kriterium des ökonomischen Tausches verspricht, festeren Halt zu bieten. Dem Geld gebührt in diesem Kontext ein hoher Rang. Darum werden dessen Entwicklung und Wesen in der Untersuchung erörtert. Aus der inhaltlichen Spezifikation ergeben sich für die Wirtschaftstheorie sowohl methodische als auch forschungsstrategische Konsequenzen: In den Brennpunkt rückt die Aufdeckung der Struktur einer durch ökonomischen Tausch integrierten, arbeitsteiligen Gesellschaft; ein Thema, so der Autor weiter, das die Klassiker unter der Überschrift "Wertlehre" abhandelten. Ihr obliegt es, das Grundgesetz der ökonomischen Theorie zu formulieren.

Der zweite Teil ist eher lehrgeschichtlicher Natur. Der italienische Nationalökonom Piero Sraffa gilt mit Recht als einer der scharfsinnigsten Denker der Ökonomik. Sein Einfluss trug dazu bei, dass Wittgenstein, der Logiker des zwanzigsten Jahrhunderts, schließlich seine im "Tractatus" vertretene Position aufgab. Auf den Konstruktionsfehler in Sraffas Lehrgebäude stößt man demgemäß nicht in den höheren Stockwerken, sondern im Fundament. Die ersten Seiten seines "epochemachenden" Werkes enthalten die klassischen Maximen der Produktionspreisbildung. Vor diesem Hintergrund war es für den Autor lohnend, bei den Klassikern nachzuschauen, wann und aus welchen Motiven sie sich von ihrem ursprünglichen Erklärungsmuster, der Arbeitswertlehre, lösten.

Wie in der Untersuchung dokumentiert wird, so lag zu der Kursänderung auf das scheinbar leichtere Gelände der Produktionspreistheorie kein triftiger Grund vor. Vor allem Ricardos Weizenwirtschaft und die Wert-Preis-Transformation, die von Bortkiewicz bahnbrechend propagiert hat, werden einer schärferen Kontrolle als üblich unterzogen. Beide Male können die in der Literatur anzutreffenden Interpretationen dieser Konzeptionen nicht bestätigt werden. Sogar in der einsektoralen Kornökonomie erlangt die Profitrate keineswegs die Bedeutung, die ihr ansonsten beigemessen wird. Darüber hinaus tragen auch die Produktionspreise, welche von Bortkiewicz berechnet hat, ebenfalls Eigenschaften in sich, die den Prämissen ihrer Ableitung widersprechen. Auf diesem Schauplatz, so der Autor, demonstrieren Arbeitswerte daher erstmals ihre Stärke.

Im dritten Teil richtet sich das Interesse des Autors hauptsächlich auf die Analyse. Zunächst wird das Sraffasche System durchleuchtet, insbesondere werden seine Eigentümlichkeiten unter die Lupe genommen. Sraffas Ansatz offenbart sich bereits in der Situation der Einzelproduktion - die selbst von Kritikern der neoricardianischen Theorie als problemlos eingeschätzt wird - als verfehlt. Das gleiche bewahrheitet sich für die Kuppelproduktion. Letztere hat nicht zuletzt deshalb Furore gemacht, weil in ihrem Rahmen der Werttheorie der letzte Streich versetzt werden sollte: Angeblich sei es unter solchen Verhältnissen denkbar, dass der Mehrwert trotz positiver Preise und einer positiven Profitrate negativ werden können - eine Irrlehre, denn das Wertgesetz trifft generell zu. Abschließend wird angedeutet, inwieweit seine Gültigkeit auf weiterführende Fragen ausstrahlt.


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