Robert Kurz

Schwarzbuch Kapitalismus.

Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft.

Eichborn-Verlag Frankfurt/Main 1999, 816 Seiten. Preis: 496 Schilling.

Seit Hans Magnus Enzensberger 1991 in der "Anderen Bibliothek" das Buch "Der Kollaps der Modernisierung" druckte, gilt sein Autor, Robert Kurz - und mit ihm seine Kollegen von der Zeitschrift "Krisis" - als Avantgarde einer so radikal kapitalismuskritischen wie reflektiert undogmatischen Strömung, das heißt als Protagonist einer Neuen Linken, die weder auf die falschen Versprechungen des Stalinismus hereingefallen ist noch den trügerischen Prophezeiungen keynesianischer oder ökologischer Reformprogramme auf den Leim zu gehen gedenkt. Dass das Kapitalverhältnis nicht ewig sein kann, dass es vielmehr zur Krise treibt und hinein in einen Zusammenbruch von der Statur mindest des "Schwarzen Freitag" von 1929, macht - verkürzt dargestellt - den Kern der Kurzschen Theoriebildung aus.

Im seiner Untersuchung seziert der Autor die Marktwirtschaft, zeichnet in drei umfangreichen Kapiteln die industriellen Revolutionen nach und belegt mit einer Fülle von Daten, wie der Kapitalismus aus weitverzweigten Wurzeln und vielen Quellen im Laufe der Geschichte Varianten seiner inneren Widersprüchlichkeit hervorgetrieben hat, nämlich Liberalismus und Sozialdemokratie, den Staatssozialismus als Form nachholender Modernisierung, aber auch immer wieder Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. Die kapitalistische Industrialisierung, so Kurz am Ende seines Prologs, die im späten 18. Jahrhundert angestoßen wurde, tritt in das Stadium der Ausweglosigkeit ein. Es kann nur noch ein Abenteuer geben: die Überwindung der Marktwirtschaft jenseits der alten staatssozialistischen Ideen. Danach mag eine andere Geschichte beginnen. Im Epilog seiner Untersuchung verweist der Autor darauf, dass Menschen, die sich mit der Ausweglosigkeit ihrer Daseinsweise konfrontiert sehen, unvermeidlich nach einem "Rezept" fragen, womit sie nur beweisen, dass sie selbst die Überwindung des Kapitalismus noch in kapitalistische Kategorien einbannen wollen. Denn ein Rezept setzt bereits voraus, dass die anzustrebende Selbstbestimmung nach vorgefertigten Mustern einer äußerlichen Instanz abzulaufen hat, also sich selber dementiert. Was sich jedoch angeben lässt, sind nicht Rezepte nach einem sozialen Baukastensystem, sondern vielmehr Kriterien der Emanzipation. Die "böse Horizontale" fängt für den Autor nicht mit dem Abspulen eines vorgedachten Programms an, sondern mit der sozialen Rebellion gegen die unverschämten Zumutungen von Marktwirtschaft und Demokratie.

Damit die "böse Horizontale" in Gang kommen kann, bedarf es nach Kurz einer bewussten "Palaverkultur"; also genau das, was für Ford und Lenin der Horror eines ewigen "Gequatsches" war, das ihre schöne Gesellschaftsmaschine beeinträchtigen könnte. Genau darum geht es: alles zu bereden und abzuwägen, statt sich einer blinden und zerstörerischen abstrakten Leistungsmaschine zu unterwerfen und als deren Rädchen zu funktionieren. Zeit für das Palaver stünde, so Kurz, übergenug zur Verfügung; und zwar nicht nur durch die Produktivkräfte der Dritten industriellen Revolution, sondern auch durch die Perspektive, alle destruktiven und unsinnigen Produktionen ersatzlos stillzulegen, die nur der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems dienen (von der Geldverwaltung bis zur nervtötenden medialen Glocke der "Werbung").

Das entscheidende Problem ist jedoch, ob in der destabilisierten Weltkrisengesellschaft des Kapitalismus im beginnenden 21. Jahrhundert ein ideeller und organisatorischer Fokus entstehen kann, der die radikale Kritik zu formulieren wagt und ihr ein Gesicht zu geben vermag. Für den Autor ist es nach wie vor die Linke im weitesten Sinne, die allein dafür in Frage kommt. Aber im Hinblick auf die wahre Aufgabe wurden die Weichen seit den achtziger Jahren genau verkehrt herum gestellt. Die von Haus aus in den kapitalistischen Kategorien befangene Linke zog aus dem Ende des Staatssozialismus die völlig unangemessene Konsequenz, theoretisch abzurüsten und die Gesellschaftskritik weitgehend fallenzulassen, um sich als Musterschüler der Rentabilitätslogik zu gebärden. Die intellektuelle und moralische Verwahrlosung der Linken ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass sie bereits zum integralen Bestandteil der kapitalistischen Krisenverwaltung, der sozialen Repression und Barbarisierung der Verhältnisse geworden ist.

Trotz dieses Befundes ist es für den Autor immer noch möglich, eine Kehrtwendung zu machen und sich den katastrophalen Erfahrungen der neunziger Jahre zu stellen. Die Linke, so der Autor weiter, muss endlich begreifen, dass sie nicht etwa zu radikal, sondern im Gegenteil niemals radikal genug war. Nicht eine stärkere Anpassung an das ökonomische Gesetz des Kapitalismus ist das Gebot der Stunde, sondern im Gegenteil der vollständige Bruch mit diesem Gesetz. Die Linke muss darüber hinaus ihre eigene Geschichte kritisieren, ihre eigene apriorische Verbundenheit mit der bürgerlichen Welt aufdecken und sich davon lösen. Nur dann waren die systemimmanenten Kämpfe der letzten hundert Jahre nicht umsonst, mit denen die Linke dem Kapitalismus stets nur vorübergehend ein niemals genügendes Minimum an sozialen Gratifikationen und eine Begrenzung der schlimmsten Zumutungen abgetrotzt hat. Auch ist die Marxsche Theorie nicht widerlegt, sie gewinnt erst jetzt ihren historischen Wahrheitsgehalt; allerdings nur, wenn sie gegen den Strich des Arbeiterbewegungs-Marxismus gebürstet und endlich als radikale Kritik des modernen Fetischismus warenproduzierender Systeme gelesen wird. Die Idee der sozialen Emanzipation muss aufhören, sich wieder und wieder in die vom Liberalismus aufgestellte Falle locken und zwischen den kapitalistischen Polen von Markt und Staat hin- und herhetzen zu lassen. Markt und Staat sind die beiden Seiten derselben Medaille, so der Autor, und es ist eine billige Ausflucht, nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus den Markt als "alternativlos" zu setzen, als wäre die staatskapitalistische Kritik am Konkurrenzsystem die einzig mögliche. Die wirkliche Alternative ist somit für den Autor die Selbstverwaltung der Gesellschaft durch die "böse Horizontale" eines umfassenden Rätesystems; und eine solche Selbstverwaltung ist das Gegenteil nicht nur des Staates, sondern damit auch des Marktes.

Rezension von Josef Schmee


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