
Und jetzt die Sparschwein-Seuche ...
Erst Rinderwahn, Maul- und Klauen-Seuche, Schweinepest - und nun breitet sich eine neue Krankheit aus: Die Sparschwein-Seuche, bei der es zu Magersucht und radikalen Verfallserscheinungen kommt. Hier ein erster klinischer Bericht von Hubert SCHMIEDBAUER.
Um den Konsum zu halten, wird in Österreich heuer weniger gespart, sagen die Wirtschaftsforscher voraus. Umfragen ergeben außerdem, dass eine Mehrheit der Lohnabhängigen Einschränkungen vor allem beim Urlaub und bei Anschaffungen machen werden. Und all das nach einigen Jahren kräftiger Leistungssteigerungen in der Arbeitswelt.
Fütterung unausgeglichen
Die Produktivität in der Industrieproduktion ist in Österreich von 1991 bis 2000 im Schnitt jährlich um 5,44 Prozent gestiegen. (EU: 3,17 Prozent, nur Irland und Finnland liegen vor Österreich.) Die Sachgüterproduktion stieg im Jahr 2000 um 8,2 Prozent - laut WIFO "der höchste Anstieg der letzten drei Jahrzehnte" - und wird heuer wieder um 3,8 Prozent wachsen. Die Produktion je geleisteter Beschäftigtenstunde nahm um 8 Prozent zu und wird heuer um weitere 4,5 Prozent steigen. Die Berechnung der Lohnstückkosten ergab in der Sachgütererzeugung ein Minus von 5,4 Prozent und heuer werden weitere minus1,4 Prozent vorausgesagt.
Die Bruttoverdienste je Arbeitnehmer sind jedoch 2000 nur um 2,2 Prozent gestiegen, die Bruttorealeinkommen gar nur um 0,4 Prozent. Dem stehen die verschiedensten Belastungen aus der "Spar"politik gegenüber. Und weil sich Ähnliches bei unseren Handelspartnern abspielt, ist eher mit einem Rückgang der Exporte zu rechnen. Da als Kettenreaktion auch noch die Investitionsbereitschaft zurückgeht, ist die Abwärtsspirale nahezu unberechenbar geworden. Für 2002 wird bereits wieder mit ansteigender Arbeitslosigkeit gerechnet. Zugleich nehmen die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse zu, mit denen sich Unternehmer Steuern und Sozialabgaben ersparen.
Notschlachtung
Heuer schlagen die Folgen der kapitalhörigen Regierungspolitik voll auf die Masseneinkommen durch. Das wirkt sich auch auf die konjunkturelle Entwicklung aus: Die Wirtschaftsforscher haben ihre Prognosen im Frühjahr bereits zum drittenmal innerhalb eines halben Jahres nach unten korrigiert. "Unter der Annahme eines deutlichen Rückgangs der Sparquote könnten die privaten Konsumausgaben dennoch um 2 Prozent zunehmen", hofft das WIFO optimistisch. Sparschweine notschlachten für die Erhaltung der Konjunktur...
Bei Konjunkturabschwung wird auch das Ziel "Nulldefizit" unerreichbar, es sei denn durch neuerliche Belastungen. Davor warnen sogar schon die Wirtschaftsforscher, weil die Kettenreaktion nur noch beschleunigt würde. Diese Spirale dreht sich nicht in Österreich allein, denn in den meisten EU-Staaten - vor allem bei unserem Haupthandelspartner Deutschland - wird dieselbe Politik gemacht. In den USA schrumpft die Wirtschaft noch deutlicher und Japan macht ohnehin eine tiefe Krise durch.
Bazillus nicht immun
Das weltweit operierende Kapital - abgeschöpft aus den Leistungssteigerungen in der Industrieproduktion und auf den Rohstoffmärkten - kennt vorerst noch keine Krise. Es ist flexibel genug, sich jeweils dort anzusiedeln, wo die höchsten Gewinne herausschauen. 12,5 Prozent Rendite sind in der Finanzwelt "nicht wettbewerbsfähig". Man kann sich ausrechnen, wieviel aus den Arbeitsleistungen der hunderten Millionen Lohnabhängigen herausgepresst werden muss, um eine Minderheit von Kapitalbesitzern - Aktionären, Fondsanlegern usw. – "wettbewerbsfähig" zu füttern.
Die Betriebsüberschüsse und Selbständigeneinkommen wachsen auch in Österreich fast doppelt so rasch wie die Arbeitnehmerentgelte. Und ein Teil dieser hunderten Milliarden wandert jedes Jahr zu den weltweit verschobenen Finanzanlagen, aus denen wiederum neue Superprofite auf Kosten der Masseneinkommen und der nachhaltigen Entwicklung einer gerechten Weltwirtschaft erpresst werden. Da haust der Bazillus für die Sparschweinseuche. Immun ist er nicht. Das wissen zum Glück immer mehr Leute ...