
Mayr-Melnhof: So kann man die ganze Welt papierln ... Nicht nur, was drinnen ist, sondern auch auf die Verpackung kommt es an. Das ist zumindest beim österreichischen Karton- und Faltschachtelerzeuger Mayr-Melnhof - der mit seinen vor allem aus recyceltem Altpapier gefertigten Produkten weltweit präsent ist - die Devise. Von Heinz GRANZER. Als "Marktführer" in der Europäischen Union heißt es mitzuhalten mit dem finnisch-schwedischen Branchenriesen Enso/Stora und dem riesigen International Paper-Konzern aus den USA. Und während sich die anderen heimischen Papier-Barone skandinavischen oder südafrikanischen Konzernen an den Hals geworfen haben, steht das Stammwerk des Konzerns noch immer in Frohnleiten und auch nach dem vor einigen Jahren erfolgten Börsengang halten die Mitglieder des Familienclans Mayr-Melnhof und Goéss-Saurau noch immer sechzig Prozent der Aktienanteile in ihren Händen. Und so scheint im steirischen Frohnleiten noch immer der schöne Spruch zu gelten, "Adel verpflichtet ..." Tatsächlich sind hier noch anderswo längst liquidierte Relikte eines altväterlichen Paternalismus zu begutachten, der von der Werkswohnung um 1.700 Schilling im Monat bis zu der heuer doch recht beachtlichen Prämie für jede(n) Werksangehörige(n) in der Höhe von 24.000 Schilling reicht. Eine eigens abgestellte Sozialberaterin kümmert sich auf Wunsch auch um die - über rein betriebliche Angelegenheiten hinausgehenden - persönlichen Probleme der Werksangehörigen. Solche "Freigiebigkeit" kann freilich auch aus dem Vollen schöpfen. So war das Jahr 2000 wohl ein besonders gutes. Bei anhaltend starker Nachfrage ist es gelungen, mehrmals Preiserhöhungen durchzusetzen und dergestalt die gestiegenen Materialkosten zu kompensieren. Auch die Produktion erreichte trotz Umbauten und "marktbedingter" Produktionsstillstände (mit besseren Nerven ausgestattet ließ sich so in Ruhe abwarten, bis die Kundschaft ihre durch vorgezogene Käufe aufgestockten Lager wieder geleert hatte) bei Karton einen Höchststand von 1,25 Millionen Tonnen und bei Faltschachteln mit einer Steigerung von 10 Prozent 320.000 Tonnen. Ein gewinnbringendes Millenium Solcherart konnte das betriebliche Ergebnis (EBIT) um 26,9 Prozent auf 102 Millionen EURO (1,4 Milliarden Schilling) gesteigert werden. Der Umsatz erhöhte sich um 18,9 Prozent auf 1.078 Milliarden Euro und der sogenannte "Jahresüberschuss" sogar um 44,9 Prozent auf 65,8 Millionen Euro. Stolz ist man in Frohnleiten auch auf eine achtzigprozentige Exportquote, wobei 15 Prozent sogar nach Übersee gehen. Über die diversen Häfen gelangen die Papierkartons aus Österreich auch in die entlegendsten Winkel der Erde bis hin nach China. Überraschenderweise kommt auch der Rohstoff Altpapier mitunter von recht weit her. Einerseits gibt es da langfristige Verträge mit Kommunen wie Wien oder Graz, wobei allzu starke Preisschwankungen durch einen eigenen Index aufgefangen werden sollen. Lieber wird etwas mehr bezahlt, um entsprechende Qualitäten zu sichern. Andererseits ergibt sich immer wieder die Gelegenheit, am Spotmarkt günstige Einkäufe zu tätigen, bei denen selbst längere Transportwege kostenmäßig verkraftbar sind. Dazu kommt, dass manche unverzichtbaren Zusatzstoffe wie etwa kalziniertes Kaolin nur in Georgia in den USA erhältlich sind. Aus drei Lagen wird dann in Frohnleiten der Karton fabriziert, wobei die Außenseite besonders schön weiß eingestrichen sein muss. Deswegen und auch zur Erhöhung der Festigkeit wird Zellulose beigemischt, um bezüglich der Qualität vor allem mit der skandinavischen Konkurrenz mithalten zu können, die ihre Produkte ja überhaupt aus sogenannten "Frischfasern" herstellen kann. Das verschafft Vorteile bei der Geruchs- und Geschmacksneutralität, die vor allem bei Lebensmitteln, Zigaretten, Süßwaren, pharmazeutischen Artikeln oder auch bei reinen Luxus-Päckchen gefragt ist. Nach einer Untersuchung des Berliner Berndt-Instituts ist der Anteil der Frischfaser-Produkte im Vergleich zu recycelten bereits auf 45 Prozent gestiegen. Das hängt natürlich auch von der Höhe der Zellstoffpreise ab und da ist den steirischen Altpapierverwertern das unweit in Pöls erzeugte Produkt mit bis zu zehntausend Schilling je Tonne zu teuer - aus dem russischen Kaliningrad kriegt man es um bereits 5.500 Schilling wesentlich billiger. Und so liegen neben kanadischen Altpapierballen und italienischen Kartons mit endlosen Computerausdrucken etwa auch Zellstoffpakete mit dem nostalgischen Aufdruck "UdSSR"... Obwohl es sich also meist nicht um mit allerlei Abfällen verunziertes Sammelgut aus dem Altpapier-Container handelt, ist es doch wie ein kleines Wunder, wenn aus den zusammengepressten Papierresten letztendlich wunderschön anzusehender blütenweißer Karton entsteht. Solch verblüffender Wiedergeburt entspricht freilich auch die nötige Entsorgung der Abwässer, wobei eine Belastung bewältigt werden muss, die einer Stadt mit etwa 250.000 Einwohnern (zum Beispiel Graz) entspricht. Und natürlich lässt sich diese Wiederaufbereitung auch recht lukrativ verwerten. So sind infolge zurückgegangener Nachfrage aus dem asiatischen Raum die Preise für Altpapier von 21 auf 5 DM je 100 Kilogramm gesunken. Dieselbe Menge Karton bringt jetzt nach den letzten Preissteigerungen immerhin bereits 143 DM. Kein Wunder also, dass an der Börse die Anteilscheine des Kartonriesen österreichischer Provenienz seit Anfang des Jahres um gut 20 Prozent zugelegt haben und zuletzt mit 54,29 notierten. Es hat sich halt herumgesprochen, dass die Aktionäre heuer wieder mit einer höheren Dividende als die 1,55 Euro des Vorjahres rechnen können. Mit der "Kriegskasse" auf Einkaufstour Mit einer wohlgefüllten "Kriegskasse" - die Rede ist von drei Milliarden Schilling - und dem mit etwa 39 Prozent hohen Anteil an Eigenkapital ist man nach wie vor an Neuerwerbungen interessiert. Auf der Wunschliste steht neben entsprechenden Objekten in Bulgarien oder in der Schweiz ein Werk am Stadtrand Belgrads oder der mit finanziellen Problemen kämpfende asiatische Konkurrent Asia Pull & Paper (APP) mit Standorten in Indonesien und China. Frohnleiten bleibt nach wie vor Stammwerk und Zentrum von Forschung und Entwicklung. Zwar machen die Personalkosten im vom italienischen Konzern Reno di Medici erworbenen Sarrio Slovenia-Werk im slowenischen Kolicevo nur ein Viertel der österreichischen aus, dafür ist aber auch die Laufgeschwindigkeit der dortigen Papiermaschine wesentlich geringer. 300 Tonnen werden dort täglich erzeugt, während man in Frohnleiten mit der um 250 Millionen Schilling umgebauten KM 3 auf tägliche 900 Tonnen kommt. Dementsprechend stolz ist man auf das Vehikel und gegenwärtig läuft auch ein Wettbewerb, für das 4,78 Meter breite Ungetüm einen passenden Namen zu finden. Die bisherigen Vorschläge lauten "Tarzan" und "Büffel" ... Die letzte Neuerwerbung war ein Umroller um 50 Millionen für die KM 3, da sich der alte nach dem Umbau als zu langsam erwies. Der wurde inzwischen ausrangiert und nach Slowenien geschafft. Dort gibt es ja noch viele Rationalisierungsreserven. Mit der Kooperation mit dem italienischen Reno di Medici-Konzern scheint es andererseits nicht so recht weitergehen zu wollen. Zwar war davon die Rede, die 5,6-prozentige Beteiligung auf zwanzig Prozent aufzustocken oder gleich zu einer Fusion zu schreiten, aber dazu scheinen dem Vernehmen nach die Unternehmenskulturen doch zu verschieden geartet. So bleibt nur zu hoffen, dass sich die Mitglieder des adeligen Familienclans auch weiterhin mit einer Dividendenrendite von zuletzt 2,85 Prozent zu begnügen bereit sind, und nicht plötzlich an die Konkurrenz verkaufen, oder an irgendwelche Spekulanten, die dann den shareholder-value mit Brachialgewalt mittels Crash-Kurs hinaufzulizitieren trachten.