
"Diese Arbeit macht krank"
Ein Interview zur Situation im Gastgewerbe. In den letzten 10 Jahren hat sich das Kräfteverhältniss enorm zu Gunsten des Kapitals verschoben. In verschiedenen Branchen wie im Handel, im Reinigungswesen und im Gastgewerbe herrschen Zustände, welche die betroffenen ArbeitnehmerInnen oft vollkommen rechtlos machen. Die wenigen Schutzbestimmungen werden einfach ignoriert. Wir sprachen mit Peter, einem Kollegen, der seit vielen Jahren als Koch tätig ist. Nachdem er einige Jahre selbständig war, versucht er seit zwei Jahren wieder eine angemessene Arbeit im Gastgewerbe zu finden. Das Gespräch führte Michael GEHMACHER. "die arbeit": Peter wie kann man die derzeitige Situation auf den Punkt bringen? Peter: Vor einigen Jahren erschien ein gewerkschaftliches Buch über das Gastgewerbe, welches verschiedene Missstände anprangerte. Es hieß " Diese Arbeit macht krank". Darin wurde unter anderem auf die Schädlichkeit von so genannten "Teildiensten" hingewiesen. Das heißt zum Beispiel 3 Stunden in der Früh und 5 Stunden am späten Nachmittag arbeiten, dazwischen hat der Beschäftigte nur Zeit zum Totschlagen. Der Tag wird zerrissen. Damals wurde die Forderung nach einem Ende dieser Teildienste laut. Heute gibt es mehr Teildienste als je zuvor. Die Situation, die schon früher nicht gerade rosig war, hat sich massiv verschlechtert. "die arbeit": Du hast in den letzten 2 Jahren in einigen Betrieben gearbeitet, hast dich gegen die dortigen Zustände gewehrt und derzeit bist du gerade wieder auf Arbeitssuche. Wie wird man als älterer Arbeitsuchender vom AMS behandelt? Peter: Wenn man sich nicht wehrt versuchen sie einem für alles die Schuld in die Schuhe zu schieben. Typisch war als ich mich das letzte Mal arbeitslos meldete. Da hat es ursprünglich geheißen, ich bekomme kein Arbeitslosengeld, weil ich von meiner Seite her das Arbeitsverhältnis beendet habe. Da bin ich ziemlich wütend geworden, denn eigentlich will ich mich nur an die Gesetze halten, an Gesetze, die von den Sozialpartnern maßgeblich mitgestaltet worden sind. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich Probleme mit dem Arbeitslosengeld haben soll, wenn Betriebe, die sich nicht an Gesetze halten, nicht ordentlich kontrolliert werden. Wenn es keine Kontrolle von der Sozialversicherung gibt, kein Arbeitsinspektorat und die Gewerkschaft nicht kämpft. "die arbeit": Hast du dann das Geld bekommen? Peter: Das Ganze ist dann vor einer Kommission für mich entschieden worden, ich möchte aber nicht wissen was gewesen wäre, wenn ich mich nicht aufgeregt hätte. Leute, die sich nicht wehren oder die Sprache nicht gut verstehen, fallen um ihre Rechte um. Typisch war auch, dass ich gleich am nächsten Tag einen Brief mit 2 Adressen im Postkasten hatte. Die Stellen waren natürlich seit Wochen weg, aber das AMS will schauen ob man auch wirklich "arbeitswillig" ist. Solche Dinge sind überhaupt erniedrigend, weil man schon vorher weiß, dass der Weg umsonst ist. "die arbeit": Wie wird man von den Firmen behandelt? Peter: Vor kurzem habe ich mich in einem kleinen Gasthaus in der Innenstadt beworben. Die Küche war viel zu klein, nur ein Herd, keine Arbeitsfläche. Der Raum so eng, dass sich die Mitarbeiter permanent auf die Zehen steigen und dazu eine enorme Hitze, weil es keine ordentliche Belüftung gibt. Fisch, Fleisch, Gemüse werden auf derselben Fläche vorbereitet, den ganzen Tag ist man am Jonglieren. Das ist für einen Koch frustrierend, weil man erstens die Speisen nicht so machen kann wie man will sondern pfuschen muss, und zweitens: werden die Gäste ungeduldig muss man ein Essen nach dem andern herausschleudern. Es gibt natürlich eine vorgegebene Mindestarbeitsfläche schon allein wegen der Hygiene und den Arbeitnehmerschutzbestimmungen. Für das Kreuz ist es ein Wahnsinn, wenn man dauernd Töpfe und Pfannen rauf und runter heben muss. Ich frage mich welcher Arbeitsinspektor, welches Marktamt solche Zustände legalisiert? "die arbeit": Wie war es dort sonst arbeitsrechtlich? Peter: Ich habe zuerst gesagt ich will 33.000 Schilling brutto, das sind ca, 21.000 netto - ein normaler Facharbeiterlohn. Der Juniorchef hat dann gemeint 18.000 Schilling netto ist das Maximum was er mir zahlen kann. Ich hab dann okay gesagt und nach ein paar Tagen ist er gekommen und hat gemeint: " So jetzt müssen wir über das Bruttogehalt reden". Er wollte mir natürlich einen Teil schwarz zahlen. Als der Juniorchef dann auch mit meinen Vorschlägen für die Tageskarte nicht einverstanden war, habe ich es dann bleiben lassen. Ich habe es mit meiner Erfahrung nicht notwendig, mich von irgendeinem Juniorchef wie ein Trottel behandeln zu lassen. "die arbeit": Wie ist das überhaupt mit der Bezahlung? Peter: Ich war auch länger in einem bekannten Wiener "In-Beisl", wo viel Prominenz hingeht, beschäftigt. Dort meinte der Chef er habe einen Polen, der kriegt 24.000 bis 28.000 Schilling netto. Dieser Chef hat nie meine Papiere verlangt, weil er mir das meiste natürlich schwarz zahlen wollte. Schwarzarbeit und illegale Lohnabrechnungen stehen auf der Tagesordnung. Ich habe einmal länger in einem Betrieb gearbeitet, der im Haus einer Fachgewerkschaft untergebracht war. Dort waren die hygienischen Bedingungen ein Wahnsinn, weil in den Leuchtröhren über den Kochstellen das alte Fett gepickt ist. Nach 3 Monaten hatte ich 132 Überstunden, was im Rahmen des Gesetzes so gut wie unmöglich ist. Nach ein paar Monaten wurde ich gekündigt. Ich kann mir das nur so erklären, dass der Pächter jemanden, der seine Rechte einfordert, nicht haben will. Oder sie haben von meinen früheren gewerkschaftlichen Tätigkeiten erfahren. Der Pächter macht gute Geschäfte mit einer Hotelkette, die der Gemeinde Wien und der SPÖ nahe steht. Er hat sich immer mit seinen guten Kontakten gebrüstet. Einmal hatten wir eine Kontrolle vom Marktamt und der Beamte stellte eine Reihe von Übertretungen fest, es wurden auch Sanktionen angedroht. Da rief der Chef den Bezirksvorsteher an, ein paar Tage später musste derselbe Beamte (!) noch einmal antanzen und alles rückgängig machen. "die arbeit": Du hast also das Gefühl, dass oft mit zweierlei Maß gemessen wird? Peter: Gewisse Betriebe stehen einfach den Machthabern - in Wien eben der SPÖ – nahe. Diese Betrieb tun so als gebe es für sie keinen Arbeitsinspektor, keine Schutzbestimmungen, keine Hygienevorschriften usw. und die zuständigen Behörden, die Gewerkschaft und die Sozialversicherung sehen einfach weg. Am Anfang habe ich von meinen Erlebnissen am AMS erzählt. Es ist zum Beispiel empörend einem Herrn Bartenstein zuzuhören, der die Opfer einer kriminellen Unternehmerschaft als Täter vor AMS-Tribunale zerren will, nur weil diese auf etwas pochen, was die Sozialpartner ausgemacht haben. Nur weil man einen Bruttolohn – wie vorgeschrieben – einfordert, mit dem man eine angemessene Pension und im Krankheitsfalle ein angemessenes Krankengeld kriegt und mit dem man sich einen normalen Urlaub leisten kann. "die arbeit": Was erwartest du dir von der Gewerkschaft? Peter: Von dieser Gewerkschaft erwarte ich mir nicht viel. Es tut mir leid, dass sich die Jungen so viel gefallen lassen. Die ArbeiterInnenklasse muss wieder kämpfen lernen. Und die Linke muss sich wieder mehr um berufstätige Menschen kümmern. Eine Linke, die auf die Arbeiterinnen und Arbeiter vergisst, ist verloren. "die arbeit": Danke für das Gespräch.