Energiewirtschaft ohne Power?

Von Rudi Fischer

In der Energiewirtschaft bleibt durch die Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes kein Stein auf dem anderen. Alle Gesellschaften, egal ob groß oder klein, öffentlich oder privat, treten an zum letzten Gefecht. Wer bei diesem Gemetzel überbleiben wird ist offen, aber eines ist sicher: die Zahl der Leichen auf diesem Schlachtfeld der Liberalisierung wird hoch sein.

Am 1. 10. 2001 tritt die Strommarktliberalisierung in Kraft, ab diesem Zeitpunkt kann jeder Stromkunde seinen Versorger frei wählen.

Energie Allianz

Dies ist auch das Startsignal für das Ende der Wiener Stadtwerke und der bisherigen E-Wirtschaft. Ein neuer "Versorgungskonzern" ist im entstehen: die "Energie Allianz". Zur Zeit ist diese Allianz nur eine "Partnerschaft", ab Oktober wäre es ein Kartell. Es ist daher zu erwarten, daß daraus eine gemeinsame Firma wird.

Geplante Eigentümerstruktur: 40% Wiener Stadtwerke, 40% Energieversorgung Niederösterreich (EVN), 10% "Burgenländische Strom & Gas Gesellschaften", 10% "Linzer Stadtwerke". Die neue Gesellschaft wäre eine börsennotierte Aktiengesellschaft (Da die EVN bereits an der Börse ist, ist jede Fusion, wo die EVN drinnen ist, ebenfalls börsennotiert, solange niemand die EVN aus der Börse rauskauft. Aber wer von den Privatisierungsfanatikern würde dafür Geld verwenden?).

Geplante Geschäftsfelder der "Energie Allianz": kurzfristig Energieversorgung der Ostregion, mittelfristig die gesamte Ver- und Entsorgung zumindest der Ostregion. Dies sind die Geschäftsbereiche Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Müllabfuhr, Betrieb von Müllverbrennungsanlagen und Mülldeponien, Fernwärmeversorgung, Telekabel etc. Für die "Jagd nach Kunden in den fremden Revieren" (restliches Oberösterreich, Steiermark, westliche Bundesländer) wurde bereits eine reine Vertriebsfirma mit dem Namen "Switch" unter oben genannter Beteiligungsstruktur gegründet.

Wienstrom, Wiengas und Fernwärme Wien verschwinden dann als eigene Unternehmen von der Landkarte. Die Vorbereitungen laufen schon auf Hochtouren, bei der OMV wurde das Gasgeschäft schon in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert.

So werden aus den 100%igen Tochterbetrieben der Wiener Stadtwerke Minderheitsbeteiligungen an der neuen Aktiengesellschaft "Energie Allianz".

Die Wiener Stadtwerke werden immer mehr von einer Muttergesellschaft, die ihre Töchter und Enkel führt und leitet, zu einer reinen Beteiligungsverwaltung, deren Ziel es ist, die anteiligen Gewinne zu kassieren und optimal anzulegen. Die Stadtwerke entwickeln sich somit zu einem "Investmentfonds" der Stadt Wien.

Switch

Und in der Energiewirtschaft bleibt kein Stein auf dem anderen. Der "Osten" kämpft mit Hilfe von "Switch" um Kunden im Westen, der "Westen" (Verbund mit Energie AG OÖ) um Kunden im Osten. Switch hat als Vertriebspartner die ATW (Austria Tabakwerke) gewonnen. Deren Strom kann man in Zukunft in jeder österreichischen Trafik kaufen. Der Verbund wieder fand als Vertriebspartner die Raiffeisen Lagerhäuser.

Alle auf die Kleinen!

In dieser Preisschlacht um Marktanteile bleiben die kleinen Energieversorger höchstwahrscheinlich auf der Strecke. Versorgungsbetriebe wie die Stadtwerke Kapfenberg, oder Bruck an der Mur werden in der bestehenden Form nicht überleben können. Wenn die sich nicht rasch zusammentun z.B. zu einer "Stadtwerke Kooperation Mur-Mürz-Furche" und die Synergieen aus dieser Kooperation sinnvoll nützen, wird es sie in wenigen Jahren nicht mehr geben – aufgekauft oder pleite. Aber auch Kleinbetriebe wie die Stadtwerke Graz sind massiv gefährdet, an die Wand gedrängt und zerquetscht zu werden. Die Kommunal- und Landespolitiker sind massiv gefordert hier intelligente Strategien für die Stadtwerke zu entwickeln. Die Variante "so schnell wie möglich verkaufen und hinter uns die Sintflut" gehört allerdings nicht dazu.

Wer ist schuld?

Die EU hat im Maastricht-Vertrag den freien Warenverkehr und die Abschaffung aller öffentlichen Monopole festgeschrieben. Diese Bestimmungen waren Bestandteil des österreichischen EU-Beitritts. Aufgrund dieser Bestimmungen im Maastricht-Vertrag wurden von der EU die Richtlinien zur Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes beschlossen. Diese Richtlinien mußten, da sie über nationalem Verfassungsrecht stehen, in allen EU-Staaten in nationales Recht umgesetzt werden.

Und dann kam der Eifer der österreichischen Musterschüler! Anstatt sich bis 2004 Zeit zu lassen, die Strommärkte schrittweise zu öffnen, die entsprechenden Behörden einzurichten und sich einarbeiten zu lassen (Elektrizitätsbeirat, Elektrizitäts-Control GmbH, Elektrizitäts-Control Kommission), hat man einfach den Markt mit 1. 10. 2001 geöffnet, um die lieben KonsumentInnen (= WählerInnen) rasch mit billigem Strom zu versorgen. Weder die Behörden (keine Liberalisierung ohne neue bürokratische Instanzen!) noch die Unternehmen waren in der Lage, sich darauf entsprechend vorzubereiten. Die großen Stromkonzerne in der EU warten schon in den Startlöchern, um sich beim großen Gemetzel, die besten Happen zu sichern. Im Jahre 1999 wurde von "PriceWaterhouse" (amerikanisches Unternehmen, das auf Unternehmens- und Marktanalysen spezialisiert ist) festgestellt, daß am Ende der Liberalisierung in Österreich drei(!) Stromversorger Platz haben werden. Zur Zeit sind es noch mehr als 200.

Wenn also rund 99% der Unternehmen vom Markt verschwinden werden, wobei sich zur Zeit alle zu mehr als 51% in öffentlichem Eigentum befinden (!), könnte man doch von der Politik erwarten, daß sie mehr tut als zuschauen, wie die Marktkräfte wirken! Man könnte doch erwarten, daß die Politiker ihre Verantwortung als Mehrheitseigentümer dieser Unternehmen wahrnehmen und für eine geordnete Strukturreform sorgen! Könnte man glauben, aber nicht bei uns in Bagdad!

Es wird Zeit den PolitikerInnen auf die Finger zu klopfen, damit sie eine Politik machen, die die Interessen der KonsumentInnen und Beschäftigten gleichermaßen berücksichtigt und für eine entsprechende Versorgungssicherheit garantiert, damit es bei uns nicht zu kalifornischen Verhältnissen kommt!

 

 

Auswirkungen der Strommarktliberalisierung

Die Marktliberalisierung bringt niedrigere Preise für alle. So wird es von PolitikerInnen und Managern öffentlich erklärt. Und die Nachteile? Für die Beschäftigten bringt das Personal- und Sozialabbau, für die KonsumentInnen Versorgungsrisiken.

Noch ist es so, daß unsere Stromanbieter Strom in eigenen Kraftwerken produzieren, oder von anderen - durch langfristige Verträge abgesichert - zukaufen. Weiters gibt es entsprechende Reservekapazitäten (= zusätzliche Kraftwerke) für Spitzenbedarf und als Sicherheit für den Fall, daß ein Kraftwerk wegen Reparaturarbeiten abgeschaltet werden muß. Durch dieses bisher streng regulierte System ist gesichert, daß es in Österreich nicht plötzlich finster wird.

Und wie sieht es in Ländern mit liberalisierten Strommärkten aus?

Es kommt zu einer Aufspaltung in Stromproduktion und Stromverkauf. Stromhändler müssen keine eigenen Kraftwerke betreiben, sie können ihre gesamte Ware auf den Strommärkten zusammenkaufen. Gerade die neuen Billiganbieter sind solche Händler. Der alleinige Wert einer derartigen Handelsfirma ist ihr Kundenstock. Diese Unternehmen halten ihre Kunden nur über den Preis. Da man Strom im Großen nicht lagern kann, gibt es immer ein gewisses Potential an Überproduktion. Dieses wird von diesen "Stromdiskontern" aufgekauft. So lange nur ein kleiner Teil der Stromproduktion über Strombörsen und Stromspotmärkte verkauft werden muß, kann sich das System noch halten, da die bisherigen Stromproduzenten damit gerade noch überleben können. Sie haben das Problem, daß sie Kunden an diese "Stromdiskonter" verloren haben, ihr Marktanteil und damit ihr Absatz gesunken sind. Zusätzlich sinken die Strompreise. Bei konstanten Kosten weniger Ware zu billigeren Preisen verkaufen zu müssen, führt die traditionellen Stromproduzenten in die roten Zahlen und erzwingt Standortschließungen. Skandinavien wurde dadurch von einem Nettostromexporteur zu einem Nettostromimporteur.

Billig, billig!

Wenn man nur mehr den billigsten Strom verkaufen kann, kann man auch nur in den billigsten Anlagen produzieren. Und die "billigsten" Kraftwerke sind die alten, die ihre Errichtungskosten schon erwirtschaftet haben, die sich schon amortisiert haben. "Teuer" sind jene Kraftwerke, die neu errichtet und mit entsprechenden Umweltauflagen versehen sind. So wurden die neuen Kraftwerke abgeschaltet und eingemottet und die alten werden weiter gefahren. Sowohl aus der Sicht des Umweltschutzes als auch der Versorgungssicherheit sind diese Entscheidungen der Energieproduzenten problematisch, aus der gewinnwirtschaftlichen Sicht allerdings existenziell notwendig. Da es in Europa insgesamt noch genügend Reservekapazitäten gibt, kann Skandinavien in der Regel seinen Zusatzbedarf auf den europäischen Strommärkten noch zukaufen. Wenn allerdings alle europäischen Staaten nach dem skandinavischen Modell operieren sollten, wird es bei uns genau so wie in Kalifornien zum Zusammenbruch der Stromversorgung mit entsprechenden Stromabschaltungen für ganze Regionen kommen. Freier Markt mit freien Preisen führt eben zu Versorgungsunsicherheit, weil sich niemand die Haltung von entsprechenden Reservekapazitäten leistet. Die Herstellung von dieselbetriebenen Notstromaggregaten ist somit das große Geschäft bei der Liberalisierung des Strommarktes.

Strom nur gegen Bares!

Was auch noch kommen wird, ist eine große Änderung für die KonsumentInnen. Es wird nämlich neue geeichte Stromzähler geben, die mit einer Chipkarte aktiviert werden. Dies bedeutet: man kauft eine Karte (in der Trafik oder im Lagerhaus), steckt sie in den Zähler und bei Stromverbrauch wird abgebucht. Wenn nichts mehr auf der Karte ist, ist es in der Wohnung finster. Damit ersparen sich die Stromverkäufer das Einklagen von ausstehenden Rechnungen und sie kassieren im vorhinein statt im nachhinein, was den Stromhändlern einen schönen Zinsgewinn bringen wird. Menschen, die in soziale Not geraten sind und daher keine Wertkarte kaufen können, werden dann eben ohne Strom auskommen müssen. Die E-Wirtschaft arbeitet in Zukunft frei nach dem Motto: "In god we trust, the rest pay cash!"


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