LIBRO - Fort mit Schaden ?

Von Heinz Granzer

Bereits seit 1999 schrieb das Unternehmen Verluste, aber erst als die Buchprüfer etwa Anfang Mai die bilanzielle Überschuldung feststellten, platzte die Bombe: Auf über 2,3 Milliarden Schilling beliefen sich die Bankverbindlichkeiten des Unternehmens, die sich innerhalb eines halben Jahres geradezu verdoppelt hatten. Auf weitere 730 Millionen warteten die Lieferanten. Dem standen aber lediglich 1,2 Milliarden an Aktiva gegenüber. Da bei einem Konkurs zusätzliche Verbindlichkeiten im Ausmaß von etwa einer Milliarde entstehen würden, wären in diesem Fall insgesamt vier Milliarden abzudecken gewesen. Das hätte eine Quote von lediglich fünf Prozent für die Gläubiger bedeutet.

Das sind vor allem einmal die diversen Banken, wie die mittlerweile vereinigten Bank Austria und Creditanstalt, die alleine schon eine dreiviertel Milliarde an LIBRO verborgt haben. Bei der Oberbank steht das Unternehmen mit 400 Millionen in der Kreide, bei der Postsparkasse und der Raiffeisen-Landesbank Wien/Niederösterreich sind es je 200 Millionen, bei der Deutschen Bank 250-300 Millionen, bei der Ersten 300 Millionen, bei der Raiffeisen Zentralbank 125 Millionen und bei der BKS 80 Millionen.

Zusätzlich kompliziert wird die Angelegenheit durch die bisherige Eigentümerstruktur: Da fanden sich neben der unglücklichen Telekom vor allem die Unternehmens-Invest UIAG und die Deutsche Beteiligungs DBAG, die zusammen über 51 Prozent der Anteile verfügten. Dazu kamen neben den Kleinaktionären, die sowieso praktisch alles verloren haben, was sie investierten, noch die Anteile von LIBRO-Chef Andre Rettberg selbst sowie anderer Manager. UIAG und DBAG freilich gehören nun wiederum den Gläubigerbanken, was anscheinend sehr viel zu der breit gestreuten Finanzierung beigetragen haben dürfte.

Vor der Pleite noch abkassiert

Damit befanden sich die Banken natürlich in einem Dilemma, denn wie auch immer die Geschichte ausging, wären sie die Verlierer. Bei einem Konkurs sowieso, aber auch bei einer Weiterführung nach einem Ausgleich, den sie nur mit einem fünfzig- bis sechzigprozentigen Forderungsverzicht ermöglichen könnten. Ein etwaiges allfälliges Mitleid mit den armen Eigentümern wird sich freilich überhaupt in Grenzen halten, wenn man bedenkt, dass sich diese noch vor dem groß propagierten Börsegang wie in solchen Kreisen eben üblich noch rasch eine Sonderdividende in der Höhe von hunderten Millionen Schilling auszahlen ließen, und die Kleinaktionäre jetzt eben auf den von ihnen angerichteten Scherbenhaufen sitzen lassen.

Als "ideale Lösung" hätte sich natürlich eine Übernahme durch den Bertelsmann-Konzern angeboten, an den man ja nun sowieso die neun erst unlängst erworbenen deutschen LIBRO-Filialen zurückverkaufen würde müssen. Doch in der deutschen Konzernzentrale hielt man sich bedeckt, und wartete anscheinend in aller Ruhe genüsslich zu und auf den "Tag der Wahrheit", an dem sich die armen "Ösis" am eigenen Zopf aus dem Dreck zu ziehen hätten. Auf alle Fälle konnte es für die Deutschen nur noch billiger werden.

Auf der anderen Seite witterten einige Interessenten die große Chance, aus der Pleite über kurz oder lang noch ein Riesengeschäft machen zu können. An Aktiva war freilich außer dem Markennamen LIBRO kaum etwas vorhanden, denn die vorhandenen Bestände waren nicht sehr viel wert und verringerten sich zudem noch, da sich die Lieferanten natürlich nicht mehr engagieren wollten. Die Räumlichkeiten wiederum waren lediglich angemietet und kosteten gerade in "noblichten Lagen" auch in dieser verlustbringenden Übergangszeit Unsummen. So war LIBRO etwa in Dornbirn und Feldkirch an zehnjährige Mietverträge mit 300.000 beziehungsweise 500.000 Schilling im Monat gebunden! Kein Wunder also, dass man für 2001 einen Jahresverlust von weiteren 450 Millionen zu erwarten hat.

Sanierung auf Kosten der Beschäftigten ?

Dagegen sah ein Konzept des deutschen Unternehmer-Beraters Roland Berger die Sanierung des Unternehmens auf Kosten der Mitarbeiter, Lieferanten und Kleinaktionäre vor. Danach sollte die Zentrale in Guntramsdorf aufgelassen und sowohl das Controlling, als auch die Warenwirtschaft und Teile der Administration an den BILLA-Konzern ausgelagert werden. Von den derzeit bestehenden 270 LIBRO-Filialen würden 70 negativ bilanzieren und müssten daher geschlossen werden. Ähnliches gilt auch für mindestens sieben der 29 Amadeus-Filialen, wobei diese Buchhandels-Tochter für gehobenere Ansprüche überhaupt am Besten zu verkaufen wäre. Auf diese Weise könnten schon in zwei Jahren fette Gewinne erwirtschaftet werden und der Wert des Unternehmens wieder an die zwei Milliarden Schilling betragen. Dann bräuchte man nur noch an Bertelsmann verkaufen und hätte finanziell ausgesorgt ...

Hier kam auch der US-Invest-Fonds "Navigator" ins Spiel, der bereits eine Geldspritze für das Unternehmen "YLINE" des Werner Böhm geleistet hatte. Dieser Werner Böhm befand sich auch im Konsortium des Welser Papiergroßhändlers Stahrlinger, der sich gemeinsam mit der deutschen WAZ-Gruppe und Billa-General Veit Schalle um LIBRO bemühte.

Als sich nun aber Anfeindungen wegen der FP-Nähe von Böhm und Schalle häuften und auch Bedenken wegen einer allfälligen Marktdominanz der Stahrlinger-Firma BPS und der LIBRO mit ihrerseits 51 Prozent Marktanteil laut wurden, deklarierte sich Stahrlinger als "bekennender Wirtschaftsbündler" und zog sich später überhaupt verärgert zurück.

Damit kam es zu einer Neuauflage des Bieter-Konsortiums, wieder mit dem US-Fonds "Navigator", aber diesmal mit Yline-Chef Werner Böhm an der Spitze. Sekundiert wurde er dabei vom zeitweiligen FP-Financier und Haider-Freund Ernst Hofmann aus der Steiermark, dem Chef der Röhrig High Tech Plastics (HTP-Röhrig), an der auch Hannes Androsch beteiligt sein soll.

Dieses Konsortium versprach, vorerst 300 Millionen sofort zuschießen zu wollen, aber weitere 700 Millionen erst im Lauf des Jahres in drei Raten. Finanziert sollte dies durch eine Kapitalerhöhung und der Ausgabe neuer Aktien werden, eine Vorgangsweise, die den Gläubigerbanken auch recht abenteuerlich erschien. Man zweifelte an der Seriosität der Bieter: "Wir hoffen, dass ein Unternehmer auftritt, der an der langfristigen Sanierung von LIBRO interessiert ist. Bis jetzt sind nur Finanzjongleure auf den Plan getreten", hieß es dazu aus nicht näher genannt werden wollenden Insider-Kreisen.

"Finanzjongleure" wollen abstauben

Dies gilt vor allem für den 37-jährigen Werner Böhm, der, aus dem IBM-Marketing kommend Chef des CA-Rechenzentrums wurde und als sogenannter "Web-Bereiter" mit "YLINE" auch die erste "Internet-Aktie" lancierte. Der ihm daraufhin zuströmende Reichtum fand laut "Standard" in einer Reihe von Porsches und Jaguars vor dem heimatlichen Reihenhaus am Bisamberg seinen Ausdruck. Der Höhenflug seiner Internet-Aktie erreichte im März 2000 den Höhepunkt, als diese an der Börse mit 278 Euro notierte. Derzeit ist sie gerade zehn wert. Der Versuch einer Übernahme des Software-Hauses BEKOS scheiterte ebenso wie die insolvent gewordene eigene Software-Tochter IS4B. Die im Zuge einer Werbeaktion gemeinsam mit "News" verschenkten 40.000 PC endeten in einem finanziellen Desaster. Nach Meinung der Banker wäre die ganze YLINE-Geschichte lediglich eine Seifenblase.

Das macht die Entrüstung verständlich, als über die Köpfe der beteiligten Banken hinweg und sehr gegen ihren Willen das Böhm-Konsortium um gerade einen Schilling (oder Euro) die miteinander syndizierten, also nur als Paket handhabbaren 51 Prozent der Anteile von UIAG und DBAG sowie Telekom erwerben konnten. Damit erhielten wiederum die Banken den "Schwarzen Peter", denn an ihnen lag es nun, durch einen Forderungsverzicht ein Weiterleben des Unternehmens zu ermöglichen. Diese hatten aber bis zuletzt auf ein Angebot des steirischen Styria-Konzerns gehofft, der sich aber nun völlig bedeckt hielt: "Solange es hier einen aufrechten Vertrag gibt, sehen wir keinen Anlass, ein Angebot zu legen", hieß es nun aus dem Unternehmen, bei dem die "Kleine Zeitung" und "Die Presse" angesiedelt sind.

Da die Übernahme von LIBRO von den Banken vorerst geradezu als "Kriegserklärung" aufgefasst wurde, wäre diesen nur noch der Ausweg übergeblieben, den Verkauf zu untersagen und die Weiterführung des LIBRO-Geschäftes im Ausgleich zu finanzieren, bis doch noch ein passender Retter gefunden wird. Auf der anderen Seite wurden aber auch Stimmen laut, wonach eine sich als immer konkreter abzeichnende Beteiligung der "Kronenzeitung" und damit der deutschen WAZ-Gruppe mit ihren österreichischen Flaggschiffen "Kurier" und "Krone" als Rettungsanker erweisen könnte.

LETZTE MELDUNG

Nun ist die Katze aus dem Sack:

LIBRO muss den Ausgleich anmelden! Die Bietergruppe um Böhm und Hofmann hatte zwar noch mit der größten ostdeutschen Buchhandelskette Buch+Kunst sowie mit Eurobooks ein "Konzentrationskonsortium" gegründet, um den von den Banken verlangten Kapitalnachweis von einer Milliarde vorweisen zu können. Diese setzten jedoch lieber auf einen Neustart nach dem Ausgleich.


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