Atypische Selbstausbeuter als Leitbild der Ware Arbeitskraft ?

Wenn Linke sich die Köpfe über neue Lebenszusammenhänge, geänderte Erwerbsbiographien, gar neue ArbeitnehmerInnenkultur heiß reden, so klagen sie in den Pausen meist über ihr eigenes Leid mit Politik, Leben, Liebe und Arbeit.

Von Helmuth FELLNER.

Der alte Ökonom Josef A. Schumpeter ist seit einigen Jahren wieder in aller Munde. Er beschrieb den Prozess kapitalistischer Entwicklung als "schöpferische Zerstörung", bei dem alte Strukturen aufgebrochen, neue geschaffen würden. Und nannte vor knapp sechzig Jahren als Protagonisten dieses Prozesses die Unternehmer. Diese Idee ist mit ihrem Denker keineswegs gestorben. Im heutigen Kapitalismus wird das Unternehmerisch-Selbständige zur Speerspitze der Entwicklung erhoben, sogenannte Existenzgründer und Jungunternehmer (nicht zuletzt in der IT-Branche) werden vielfach als Wegbereiter eines Wandels von der Industrie- zur Wissensgesellschaft bezeichnet. Das wäre nichts wirklich Neues, wenn nicht, ja wenn nicht auch die Linke damit infiziert wäre.

Die Kölner Industriesoziologen Voß und Pongratz stellen zum Wandel der Ware Arbeitskraft die These auf, dass sich diese strukturell vom "Verberuflichten Arbeitnehmer" zum "Arbeitskraftunternehmer" wandle. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht die Annahme, dass sich die "Ware Arbeitskraft" und auch das Bewusstsein der ArbeiterInnen grundlegend verändert. Während der Arbeits- und Lebenszusammenhang des "verberuflichten Arbeitnehmers" auf Kontinuität - also gesicherte und sozial abgesicherte Arbeit - angelegt war, steht beim "Arbeitskraftunternehmer" die Diskontinuität, die ständige Anpassungsbereitschaft und -notwendigkeit an die geänderten Marktbedingungen im Vordergrund. Das führe - so die Verfasser - zu einem unternehmerischen Verhältnis der Arbeitskräfte zu ihrer eigenen Arbeitskraft.

Die Schimäre von der Selbständigkeit

So neu ist dies alles nicht: Die Auflösung bzw. Prekarisierung der Normalarbeitsverhältnisse, die Ausweitung von Niedriglohnsektoren (vor allem in Bereichen mit hohem Frauenanteil), die Zunahme atypischer Arbeitsverhältnisse, euphemistisch als "neue Selbständigkeit" bezeichnet, sind Prozesse, die seit ca. zwei Jahrzehnten zu beobachten sind, nach dem Zerfall des sozialistischen Lagers aber eine kaum geahnte Beschleunigung erfuhren. Das Berliner Wissenschaftszentrum Berlin stellt gar die Frage, ob die Charakteristika der Arbeitssituation von KünstlerInnen, PublizistInnen und traditionell Freischaffenden künftige Entwicklungen des gesamten Arbeitsmarktes vorwegnehmen. Scheinselbständige, so genannte "Free Lancer" und auch ArbeitskraftunternehmerInnen prägen diese wohl nur mehr als Teilarbeitsmarkt zu bezeichnende Situation. Viele dieser "Neuen ArbeitnehmerInnen" verbinden ihr Misstrauen gegenüber staatlich und sozialpartnerschaftlich regulierten Arbeitsverhältnissen mit der trügerischen und falschen Vision von selbstbestimmter Eigenarbeit. In Wahrheit sind die meisten von ihnen unselbständig Erwerbstätige ohne soziales Netz. Ihre Illusion schwindet meist mit zunehmendem Alter, im Krankheitsfall oder spätestens bei Erwerbsunfähigkeit.

So wichtig die feministische Kritik an den Geschlechterrollen im Erwerbsprozess und die Kritik an einem Arbeitsbegriff, der ausschließlich Erwerbsarbeit umfasste, war, so sehr saß frau doch einer Geringschätzung streng ökonomischer Entwicklungsprozesse des jüngsten Kapitalismus auf: "Wenn man von einer ‚Krise’ des ‚Normalarbeitsverhältnisses’ sprechen kann, dann nur insofern, als sich seine wesentliche Voraussetzung - das darin enthaltende Geschlechtermodell - überlebt hat." Nach wie vor gilt: Die Höhe der Profitrate bestimmt Grad und Modell der Ausbeutung.

In diesem Lichte sind auch alle Diskussionen um ein größeres Maß an Zeitautonomie sowie die Kritik am staatlich und bürokratisch regulierten Lebenslauf Ausbildungà Arbeità Pension als Bestandteile eines allerdings nur scheinbaren "Wertewandels" zu sehen, auf den die fälschlich neoliberal genannte Politik, die weder ganz neu noch sehr liberal ist, zurückgreift. An die Stelle einer brüchigen, problematischen, ständig neu zu erkämpfenden, aber doch real existierenden sozialen Sicherheit tritt für die ArbeitnehmerInnen schrankenlose Ungewissheit, eine als Selbständigkeit getarnte, auf Grund völliger Rechtlosigkeit und dem Ausgeliefertsein an die Profitlogik halbfeudale Abhängigkeit. Und manche "Linke" basteln leider am Rechtfertigungssophismus solcher Verhältnisse mit.

Edel sei die Arbeitskraft, willig und stumm

Voß und Pongratz bezeichnen die dahinter steckende Arbeitskraftstrategie auf betrieblicher Ebene zu Recht als "fremdorganisierte Selbstorganisation". Die Arbeitskraft verfügt einerseits über etwas mehr Freiräume und Autonomie (um wie viel mehr hängt natürlich auch von der betrieblichen und gesellschaftlichen Position ab), andererseits wird jedoch der Leistungsdruck ganz im Sinne eines "management by stress" massiv erhöht. Selbstkontrolle, Selbstdisziplinierung und "unternehmerisches Denken" stehen stärker im Vordergrund. Vor der Hoffnung, die neuen Freiräume zu nutzen, steht jedoch die Einsicht, dass weder betriebliche Herrschaftsverhältnisse noch Ausbeutung verschwinden. Im Gegenteil: Die Ausbeutung durch die Unternehmer wird durch die Selbstausbeutung der Arbeitskräfte noch ergänzt. Während der proletarische Lohnarbeiter des Frühkapitalismus seine Arbeitskraft als "Rohstoff" zu Markte trug, die "verberuflichte ArbeitnehmerIn" Teil einer an standardisierte Berufsformen gebundenen "Massenware Arbeitskraft" war, liefert der "Arbeitskraftunternehmer" seine Arbeitskraft marktgerecht als "veredeltes Halbfertigprodukt" ab.

Bei außerbetrieblichen "Arbeitskraftunternehmern", also scheinselbständige "Free Lancer" und "Neue Selbständige" scheint eine weitere Bastion traditionell kapitalistischer Arbeits- und Lebensweise zu fallen: die Trennung von Arbeit und Freizeit. Diese verflüchtigt sich nämlich in geschäftlichen Absprachen in In-Lokalen, bei "Linken" womöglich anschließend an politische Sitzungen oder Arbeitskreise. Das permanente "Selbstmanagement" kennt keine Arbeitszeiten.

Säulen der Anpassung statt Stützen der Gesellschaft

In der BRD, schon immer ein Mutterland verlogener, falscher, verhüllender Begrifflichkeit wurden in einem "Nationalen Beschäftigungspolitischen Aktionsplan 2001" die für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik relevanten Maßnahmen als vier Säulen dargestellt:

Säule I (Employability): Da Arbeitslosigkeit als Qualifikationsproblem des Einzelnen gesehen wird, rangiert an erster Stelle die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit.

Säule II (Entrepreneurship): Wer nicht lohnabhängig arbeitet, sollte sich selbständig machen. Die "Entwicklung des Unternehmergeistes und Schaffung von Arbeitsplätzen" sollen die Wirtschaft zum Boomen bringen

Säule III (Adaptability): Künftig müssen ArbeitnehmerInnen auf ständige Veränderungen vorbereitet sein. Die "Förderung der Anpassungsfähigkeit der Unternehmer und ihrer Beschäftigten" wird deshalb wichtig.

Säule IV: Schließlich gilt "Gender Mainstreaming" der Bundesregierung als Leitlinie zur Verwirklichung der Chancengleichheit von Frauen und Männer.

Die Politik der rot-grünen Koalition in der BRD kann daher auf folgenden Nenner gebracht werden: Von der Regulierung der Kontinuität zur Regulierung der Diskontinuität. Worin besteht eigentlich ihr Unterschied zur blau-schwarzen Politik in Österreich ?

Zahlreiche fortschrittliche, "linke" Scheinselbstständige stehen folglich vor dem Problem, eigentlich Widerstand gegen sich selbst leisten zu müssen. Ihre Arbeitsweisen entsprechen zwar ihren eigenen vagen Lebensvorstellungen, aber genauso gut dem herrschenden Leitbild erneuerter Ausbeutung. Sie sind nicht nur ein Faktor innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, sondern zählen anscheinend sogar zu deren ProtagonistInnen.

Die einzige Antwort von Kommunisten kann sein: Widerstand gegen weitere Deregulierung und Prekarisierung der Normalarbeitsverhältnisse zu unterstützen, zu leisten, zu organisieren. Dazu gehört auch die Aufklärung über die Brüchigkeit und Illusion "Neuer Selbständigkeit". Scheinselbständigkeit kann nur bekämpft werden, indem alle Formen unselbständiger Tätigkeit in die Sozial- und Pensionsversicherung einbezogen werden und die damit für das Kapital lukrative Flucht aus dem Arbeits-, Sozial- und Finanzrecht wesentlich teurer gemacht wird. Auf diesem Weg müssen wir erreichen, dass alle Mittel, wie die rechtliche Vertretung der Scheinselbständigen durch ÖGB und AK, insbesondere wenn es um Feststellungsklagen bezüglich der Anerkennung als ArbeitnehmerInnen geht, eingesetzt werden. Die Bekämpfung von Illusionen sind hier schon Scharmützel, die Verteidigung des bestehenden Arbeits- und Sozialrechts schon Offensive.

 


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