
Austria-Tabak
Von der Hochzeitsnacht zur schönen Leich‘... Schön langsam ist das Muster ja bekannt: Zuerst einmal ist von einer "strategischen Partnerschaft" die Rede, um sich als österreichisches Unternehmen besser auf den internationalen Märkten behaupten zu können. Dann ist immer öfter zu hören, wie toll die Braut herausgeputzt worden wäre, um den aus der ganzen Welt angereisten Interessenten nur ja den Mund wässrig zu machen. Und schlussendlich erfolgt dann mit Knalleffekt der Ausverkauf und über Jahr und Tag sind die ersten Schließungen zu beklagen. Von Heinz GRANZER. Nun hat es also sogar die Austria Tabakwerke (ATW) erwischt und schön langsam macht sich auch ein kräftiges Unbehagen an dieser Vorgangsweise einer Privatisierung um jeden Preis bemerkbar. Während scheinheilig versichert wird, mit den kolportierten 10,51 Milliarden Schilling für die von der Republik Österreich zuletzt noch gehaltenen restlichen 41 Prozent der Aktien könne man die Schulden der ÖIAG auf gerade noch erträgliche 28 Milliarden reduzieren und somit in Zukunft den Schuldendienst aus den Dividenden finanzieren, machten die Betriebsräte bereits vor einem Jahr eine ganz andere Rechnung auf. Danach hätten die Tabakwerke allein in den letzten zehn Jahren 4,61 Milliarden Schilling an Dividenden ausgeschüttet. Wer die Beteiligung an einem derart profitablen Unternehmen um jeden Preis los haben will, schlachtet damit eigentlich die Gans, die goldene Eier legt. Das hat sich ja auch schon bei anderen ehemals staatseigenen Renommierbetrieben wie der OMV gezeigt. So warnte Zentralbetriebsratsvorsitzender Reinhar Hasenhüttl bereits vor einem Jahr in der "Solidarität" vor einem Wertschöpfungsverlust von ungeheurem Ausmaß: "Die Existenz aller österreichischen Tabakfabriken und damit deren Mitarbeiter wäre absolut gefährdet." Ebenso wurde auf einen Auftragswert in der Höhe von 700 Millionen Schilling verwiesen, den die Tabakwerke jährlich an rund 500 Unternehmen vergeben und der durch einen Verkauf ebenfalls gefährdet werde. Als Beispiel wurde auch die mit den ATW verbundene "Österreichische Zigarettenfilter GesmbH" (ÖZF) angeführt. Von den jährlich erzeugten 20 Milliarden Filtern wird zwar bereits mehr als ein Fünftel exportiert, aber das würde nicht allein auf sich gestellt zum Überleben reichen. Auch hier stehen 80 Arbeitsplätze auf dem Spiel, wobei Frauen um die 50 kaum mehr zu vermitteln wären. Einer von vier Betrieben muss sperren Vom Zusperren bedroht ist auch das Werk in Hainburg, das mit dem Standort Malmö konkurriert, wer überleben wird. Auch in Hainburg ist die ATW mit 210 Beschäftigten der wichtigste Betrieb in der abgelegenen Grenzregion. Die Schließung von einem der vier Betriebe wäre auch ohne den Verkauf nötig gewesen, argumentiert der Vorstand. Aber auch für die verbleibenden Betriebe konnte vom neuen Eigentümer, dem britischen Tabakkonzern Gallaher, keine Standortgarantie abgegeben werden, sondern lediglich die Zusicherung, dass die ATW ihren Namen behält, die Zentrale in Österreich bleibt und die Beschäftigtenzahl "nach Marktentwicklung" erhalten bleibt. Diese recht vorsichtige Formulierung dürfte auch damit zu tun haben, dass die derzeit noch bis 2008 laufenden Lizenzverträge mit Philipp Morris, British American Tobacco, Reynolds und Reemtsma jederzeit gekündigt werden können, wenn sich ein strategischer Partner mit über 15 Prozent der Anteile einkauft und mit immerhin fünf Milliarden Zigaretten entfällt rund ein Sechstel der Produktion auf Lizenzmarken. Ausverkauf statt Partnerschaft Gerade in Zeiten der voranschreitenden Globalisierung ist es besonders bedauerlich, wenn ein bereits erfolgreich auch im Ausland agierender österreichischer Konzern wie die Tabakwerke jetzt einfach aufgeschnupft wird. Schließlich zahlt auch der Gallaher-Konzern die Millarden für die AT-Anteile nicht einfach aus der Portokasse, sondern muss dafür selbst Anleihen und Bankkredite aufnehmen. Auf der anderen Seite wäre auch ein Zusammengehen mit dem staatlichen italienischen Tabakkonzern Monital möglich gewesen, der einen Aktientausch auf der Basis einer 50:50-Partnerschaft vorgeschlagen hatte. So war schließlich auch der Zusammenschluss der französischen Seite und der spanischen Tabacalera zur Altadis vor sich gegangen. Eine solche Lösung hätte auch der frühere Generaldirektor Beppo Mauhart vorgezogen: "Was unter Privatisierung läuft, ist ein Verkauf, der nahezu zwangsläufig auf das Ende der Austria-Tabak abzielt", befürchtete er in einem Interview mit dem "Standard" bereits im April. Das Unternehmen hätte genug Substanz, um eigenständig oder in Form einer echten Partnerschaft durch Eigentümerverschränkung oder einer gemeinsamen Gesellschaft weiterzumachen. "Die Austria-Tabak ist jedenfalls zu schade, um mit ihr den Mist, der bei der Privatisierung der Telekom Austria gebaut wurde, auszugleichen." Nur lahme Proteste der Betriebsräte Auch die Arbeiterkammer Wien spricht jetzt vom "Abverkauf eines gewinnträchtigen Paradeunternehmens an das Ausland" und der Vorsitzende der Gewerkschaft Metall-Textil, Rudolf Nürnberger, wirft der Bundesregierung vor, "die Verscherbelung heimischer Werte weiterzuführen". Etwas uneinheitlich fällt dagegen der kolportierte Protest der Betriebsräte aus. Die Belegschaftsvertreter verweigerten zwar auf der in der überraschend einberufenen nächtlichen Aufsichtsratssitzung der ÖIAG ihre Zustimmung zum Verkauf und verließen die Sitzung unter Protest. Zugleich beeilten sie sich aber zu versichern, dass sie damit nicht gegen Gallahar als Käufer opponieren wollten, sondern gegen die "unprofessionelle" Vorgangsweise der ÖIAG-Spitze, die es verabsäumt hätte, rechtzeitig detaillierte Unterlagen vorzulegen und den Verkauf in einer Nacht-und-Nebel -Aktion über die Runden brachte. Die unmittelbar betroffenen AT-Betriebsräte selbst hätten dem Vernehmen nach zwar die Beibehaltung zumindest einer staatlichen Sperrminorität vorgezogen, favorisierten aber bei einem nun unausweichlichem Verkauf ebenfalls Gallaher. Somit lässt sich nun der Kampf gegen die drohende Schließung des Standortes Hainburg auf eine Auseinandersetzung mit den schwedischen Kolleginnen und Kollegen des Standortes Malmö reduzieren. Dabei sollten schon allein die Relationen von Beschäftigtenziffer und Umsatz bei Gallaher zu denken geben: Dort erzielten 4.500 Beschäftigte einen Umsatz von umgerechnet über 100 Milliarden Schilling, bei der AT waren es letztes Jahr 3.800, die den Umsatz um 9,2 Prozent auf 51,4 Milliarden steigern konnten. Die Gallaher-Gruppe erzeugt mit 90 Milliarden Stück auch die dreifache Menge an Zigaretten. Bei den Gewinnen freilich brauchen sich die Österreicher nicht zu verstecken. Allein im Jahr 2000 stieg das sogenannte "Ergebnis aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit" (EGT) auf 2,662 Milliarden Schilling. Bei Gallaher betrug der Nettogewinn 248,6 Millionen Pfund (rund 5,68 Milliarden Schilling).