
Hans-Georg Backhaus - Dialektik der Wertform.
Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik. Ca ira-Verlag, Freiburg i. Br. 1997, 533 Seiten. Preis: 351 Schilling Bei einer kritischen Durchsicht der Sekundärliteratur, so Backhaus lässt sich der Nachweis erbringen, dass die Arbeitswerttheorie nur in einer grob vereinfachten und häufig gänzlich entstellten Form rezipiert oder kritisiert worden ist. So ist es vor allem der positivistischen Marx-Interpretation eigentümlich, klassische und marxistische Werttheorie zu identifizieren. Das positivistische Verständnis führt notwendig dazu, die Marxsche Theorie der Gesellschaft in ein Bündel von soziologischen und ökonomischen Hypothesen oder "Tatsachenbeobachtungen" aufzulösen. Die von Böhm-Bawerk als "dialiktischer Hokuspokus" oder von Schumpeter als "philosophisch" diskreditierten Argumente finden sich vor allem in der Lehre von der Wertform. Soweit diese überhaupt zur Darstellung kommt, wird sie entweder unverständlich oder aber kommentarlos referiert. Die Verständnislosigkeit der Interpreten ist, so Backhaus um so erstaunlicher, als Marx, Engels und Lenin wiederholt auf die eminente Bedeutung der Wertformanalyse hingewiesen haben. Die mangelhafte Rezeption der Wertformanalyse ist aber nicht allein einer gewissen Problemblindheit der Interpreten anzulasten. Die Unzulänglichkeit ihrer Darstellungen lässt sich wohl nur von der Annahme her verstehen, dass Marx keine abgeschlossene Fassung seiner Arbeitswertlehre hinterlassen hat. Die Eliminierung oder kommentarlose Darstellung des dritten Abschnitts, der die "Dunkelheit der ersten Kapitel des Kapitals über den Wert" ausmacht, äußert sich nach Backhaus vor allem in folgenden Fehlinterpretationen: Zum einen ignorieren zahlreiche Autoren den Anspruch der Arbeitswertlehre, das Geld als Geld abzuleiten und somit eine spezifische Geldtheorie zu inaugurieren. Es ist dann nicht mehr verwunderlich, wenn diese Interpreten nur die Werttheorie darstellen, die Geldtheorie hingegen ausscheiden oder korrigieren und deshalb kaum noch imstande sind, den Unterschied zwischen der klassischen und der marxistischen Arbeitswerttheorie plausibel zu machen. Zum anderen bleibt der Zusammenhang zwischen der Arbeitswertlehre marxistischer Prägung und dem Phänomen der Verdinglichung undurchsichtig. Trotz der klaren Aussage von Marx hierzu ("Die Bestimmung der Wertgröße durch die Arbeitszeit ist ... ein unter den erscheinenden Bewegungen der relativen Warenwerte verstecktes Geheimnis. Seine Entdeckung hebt den Schein der bloß zufälligen Bestimmung der Wertgrößen der Arbeitsprodukte auf, aber keineswegs ihre sachliche Form") hält diese zahlreiche Autoren keineswegs davon ab, eben jenes "unter den erscheinenden Bewegungen der relativen Warenwerte versteckte Geheimnis" als Untersuchungsgegenstand der Marxschen Lehre vom Warenfetischismus auszugeben. Für Backhaus lässt sich die das Wesen des Warenfetischismus verfehlende Darstellung so kennzeichnen: Die Autoren referieren einige Sätze aus dem Fetischkapitel des Kapital und interpretieren sie begrifflich, meist auch terminologisch, in der Weise der Deutschen Ideologie - ein Manuskript, in dem Marx und Engels die Bedeutung der Arbeitswerttheorie noch verkannten. Der Problemgehalt der Wertform, so Backhaus, lässt sich jedoch nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man die Marxsche Lösung und Darstellung ignoriert. Es zeigt sich nämlich, dass die Kritiker der Arbeitswerttheorie gelegentlich in selbstkritischer Einsicht die Unlösbarkeit eben jener Probleme konstatieren, die den Gegenstand der von ihnen ignorierten Wertformanalyse ausmachen. Exemplarisch lässt sich dies in Joan Robinsons Abhandlung Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft darstellen. Die Autorin, so Backhaus, verkennt, dass sie mit ihrer Frage nach der Qualität ökonomischer Quantitäten und nach dem Wesen ökonomischer Grundbegriffe genau jenen Problemkomplex beschreibt, um den das Marxsche Denken kreist. Die Autorin enthüllt die paradoxe Situation des modernen Ökonomen, der einerseits komplizierte mathematische Methoden entwickelt, um die Bewegungen der Preise und des Geldes zu berechnen, andererseits das Nachdenken darüber verlernt hat, was das wohl sein mag, was den Gegenstand seiner Berechnungen ausmacht. Verbleibt man jedoch in der Denkweise Joan Robinson, so Backhaus weiter, dann lässt sich ihre der modernen Ökonomie entgegengehaltene Frage: "Quantität wovon?" von ihrer eigenen Position her nur als "metaphysich" charakterisieren; denn es ist eben diese Problemstellung, die als Frage nach der Genesis der "übernatürlichen Eigenschaft" Wert oder - was dasselbe besagt - als Frage nach der "Substanz" des Werts Gegenstand der Marxschen Überlegungen ist. Der positivistischen Manier, qualitative Probleme zu eliminieren – "Geld und Zinsatz erweisen sich wie Güter und Kaufkraft als unfassliche Begriffe, wenn wir wirklich vesuchen sie festzuhalten" – entspricht jener berüchtigte Formalismus, der von Joan Robinson folgendermaßen glossiert wird: "Die modernen Vertreter der neoklassischen Ökonomie flüchten sich in immer kompliziertere mathematische Manipulationen und ärgern sich immer mehr über Fragen nach deren mutmaßlichem Gehalt". Wenn maßgebliche Darstellungen der modernen Geldtheorie, so Backhaus, sich darauf beschränken, Geld als "allgemeines Tauschmittel" zu definieren, so bleibt immer noch die Frage offen, was den spezifischen Unterschied von besonderem und allgemeinem Tauschmittel, Ware und Geld ausmacht. Erst wenn die Beziehung beider als Einheit in der Verschiedenheit begriffen ist, verschwindet auch jener "Spuk", der das ökonomische Denken zwingt, Geld als "unfasslichen Begriff" auszugeben. Im Anschluss an die Ausführungen zur Dialektik der Wertform werden in vier Kapiteln Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie vorgestellt und kritisch diskutiert. Daran anschließend wird in einem eigenen Kapitel auf die Marxsche Revolutionierung und Kritik der Ökonomie eingegangen; ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Problem des Geldes als Konstituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit, mit Aspekten des Marxschen Kritikbegriffs, mit dem Kritikpotential der Marxschen Kategorialanalyse und mit der logischen Misere der Nationalökonomie. Im Anhang des Buches befindet sich der Beitrag "Theodor W. Adorno über Marx und die Grundbegriffe der soziologischen Theorie", der auf einer Seminarmitschrift im Sommersemester 1962 beruht. Seit der Studentenbewegung und ihren Versuchen einer avantgardistischen Marx-Lektüre gehören die Arbeiten von Hans-Georg Backhaus mit Abstand zum Besten, was man hierzulande an Einschlägigem lesen darf. Dies trifft insbesondere seine Interpretation der gemeinhin als schwierig bis okkult verschrieenen und zumeist überblätterten ersten einhundert Seiten des "Kapital" – also der sogenannten Wertformanalyse - von denen schon der alte Bebel behauptete, das sei etwas nur für Philosophen. Backhaus dagegen zeigt, dass die Philosophie in Marx, wird nur das Problem richtig gefasst, alles andere ist denn esoterisch und vielmehr: Anstiftung zur Gesellschaftskrititk. Rezension von Josef Schmee.